Ezidikhan

Flagge der Jesiden

Als Ezidikhan (kurmandschi Êzîdxan, arabisch ايزيدخان, deutsche ÜbersetzungLand der Jesiden[1], wörtlich „Haus der Jesiden[2]) wird bisweilen de facto eine von der jesidischen Miliz „Hêza Parastina Êzîdxan“ (Verteidigungskraft Ezidikhans) kontrollierte Region in dem de jure Sindschar Distrikt im Nordirak bezeichnet.[3][4][5] Die Jesiden streben eine eigene Autonomie an.[6][7][8]

Siedlungsgebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein jesidischer Tempel (schon lange vor dem IS-Einmarsch zerstört) auf der linken Seite und das Minarett der Große Moschee des an-Nuri auf der rechten Seite in Mossul (1932)
Karte der jesidischen Siedlungsgebiete im Nordirak. Der Status der Gebiete im Ninawa Gouvernement ist nach Artikel 140 der irakischen Verfassung noch ungeklärt. Die Gelb markierten Distrikte werden von Jesiden bewohnt. Im Distrikt Sindschar streben die Jesiden eine demokratische Autonomie namens „Êzîdxan“ (Ezidikhan) an. Die anderen drei Distrikte Shekhan, Al-Hamdaniya und Tel Keppe werden auch von Jesiden bewohnt und befinden sich in der Ninive-Ebene. Die Lila markierte Zone ist das offizielle Territorium der Autonomen Region Kurdistan.

Der Begriff „Êzîdxan“ ist auch die Bezeichnung traditioneller und historischer Siedlungsgebiete der Jesiden.[1][2] Zu den Siedlungsgebieten der Jesiden im Irak gehören die irakische Stadt Sindschar, die Dörfer um die Stadt und das gleichnamige Distrikt Sindschar (Khana Sor, Borek, Sinune, Gohbal, Zorava, Dohula, Dugure, Til Ezer, Tel Qasab, Tel Benat, Siba Sheikh Khidir, Kocho etc.), die arabisch sprechenden Gemeinden Baschiqa und Bahzani in der Nähe von Mossul im Al-Hamdaniya Distrikt, die Stadt Shekhan und die Dörfer um die Stadt und das gleichnamige Distrikt Shekhan (Baadre, Hahad etc.), sowie die Heiligenstätte der Jesiden Lalisch in der Autonomen Region Kurdistan. Weitere Dörfer in den die Jesiden auch mit Assyrern zusammen leben sind die Dörfer Bozan, Hatarah usw. im Tel Keppe Distrikt.[9] All diese Städte und Dörfer befinden sich in der irakischen Provinz Ninawa.

Die jesidischen Gebiete gehören offiziell zur irakischen Zentralregierung, werden aber seit dem Sturz Saddam Husseins 2003, von kurdischen Peschmerga Truppen besetzt.[10][11][12] Seitdem der Islamische Staat (IS) aus diesen Gebieten vertrieben wurde, werden die Jesiden für geopolitische Interessen der Kurden durch die kurdischen Parteien missbraucht. Die kurdische Regierung möchte damit die Annexion jesidischer Siedlungsgebiete an die Autonome Region Kurdistan bezwecken, dieses Vorhaben wird auch teilweise durch Gewalt unterstützt.[13][14] Die kurdische Regierung setzt auch deutsche Waffen gegen die Jesiden ein, um zu verhindern, dass sich demokratische Strukturen in diesem Gebiet ausbreiten.[6][15] Auch die irakische Regierung möchte das Territorium nicht den Kurden überlassen. Im Oktober 2017 hat sich die Peschmerga aus diesen Gebieten zurückgezogen. Abu Sardar ein 47-jähriger Jeside sagte dazu in einem Interview mit Reuters: „Wir sind froh, dass die Kurden gegangen sind. Wir sind Jesiden, wir sind keine Kurden, wir wollen nicht Teil von Kurdistan sein.“[16][17]

Die jesidische Menschenrechtsaktivistin und Sacharow-Preisträgerin Lamija Adschi Baschar verlangt in diesen Gebieten internationalen Schutz für Jesiden. Auch der EU-Abgeordnete Josef Weidenholzer spricht sich für politische Autonomie der Jesiden aus.[18]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 25. Juli 2017 verkündete das religiöse Oberhaupt der Jesiden Baba Scheich eine provisorische jesidische Regierung namens „Ezidikhan“.[19][20] Gleichzeitig forderte er die durch den Genozid Vertriebenen Jesiden in ihre Heimat zurückzukehren. Weiterhin sagte er: „Das kurdische Referendum für Unabhängigkeit ist nicht für die Jesiden. Die Jesiden haben ihre eigene Autonomie“.[21] Die Verkündigung fand in der Heiligenstätte der Jesiden Lalisch statt.[22][23]

Am 22. August 2017 haben Jesidinnen auf einer Pressekonferenz einen jesidischen Staat in Sindschar ausgerufen und ihre Regierung als autonom erklärt.[24] Am Tag darauf haben Jesiden auf einer anderen Pressekonferenz in Khana Sor die Gründung einer demokratischen Autonomie namens „Êzîdxan“ bekannt gegeben.[25][26]

Am 2. September 2017 traf sich der Premierminister der provisorischen jesidischen Regierung Waheed Mandoo Hammo mit dem Ministerpräsidenten des Iraks Haider al-Abadi in Bagdad. Bei dem Treffen gab es Gespräche zwischen der Ezidikhan und der irakischen Regierung über politische Autonomie der Jesiden, den Wiederaufbau und die Finanzierung der jesidischen Gebiete und die Rückkehr der jesidischen Flüchtlinge in ihre Heimat. Die jesidische Regierung stellte einen Sechsjahreplan vor. Außerdem wurde über die Errichtung einer stabilen und unabhängigen jesidischen Bank diskutiert. Die Gespräche die am 2. September 2017 begonnen haben, werden derzeit noch weitergeführt. Ezidikhan drängt den Irak, die UN-Erklärung über die Rechte indigener Völker durch ein zwischenstaatliches Abkommen umzusetzen. Sowohl die irakische Regierung als auch die jesidische Regierung haben sich verpflichtet, die Charta der Vereinten Nationen, die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte indigener Völker, die von der Generalversammlung der Vereinten Nationen auf ihrer 61. Tagung am 13. September 2007 verabschiedet wurde und das Ergebnisdokument der Hochrangigen Plenarsitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom September 2014 zu unterstützen und nach diesen Richtlinien zu handeln.[27][28]

Am 1. Dezember 2017 hat der Premierminister von Ezidikhan Waheed Mandoo Hammo Barfo Tamoyan zur ersten Außenministerin von Ezidikhan ernannt. Tamoyan stammt aus Armenien und ist 2005 mit 15 Jahren nach Frankreich ausgewandert. Sie sagte: „Mein Ziel ist es, die europäischen Länder zu überzeugen und sie um Hilfe zu bitten, ein stabiles und unabhängiges freies Land aufzubauen, dass den Flüchtlingen ermöglicht nach Hause zurückzukehren.“[29]

Ursprung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 19. Jahrhundert war Êzîdxan ein autonomes Fürstentum (um das Dorf und die gleichnamige Burg Redwan im Gebiet Garzan, heute nördlich von Cizir in der Türkei) im Osmanischen Reich. Êzîdxan wurde von dem jesidischen Fürsten Seid Beg regiert. Seid Beg verteidigte das jesidische Fürstentum und kämpfte gegen den kurdischen Fürsten Bedirxan Beg, welcher versuchte die Jesiden auszurotten. Bereits vor Seid Beg existierte ein autonomes jesidisches Fürstentum in diesem Gebiet, welches von dem jesidischen Fürsten Mirza Axa (auch Agha oder Aga) regiert wurde, dieser war ständig im Krieg mit anderen kurdischen Fürsten.[1][30][31][32]

(Anmerkung: In der Literatur findet sich häufiger der Begriff „Yezidi Khan“ als Synonym für Ezidikhan.)

In vielen sakralen Texten der Jesiden findet sich das Wort Ezidikhan bzw. Êzîdxan.[33][34]

Hier einige Beispiele:

Qesîda Şerfedîn“ (Die Botschaft Sherfedins)[35]

  • Ciwabê bidne Êzîdxanê (Verkündet die Botschaft im Land der Jesiden)
  • Bila qayîmkin Îmanê (Sie sollen ihren Glauben festigen und verteidigen)
  • Şerfedîn mîr e li dîwanê (Sherfedin ist der Fürst in Residenz)

Du’a Razanê“ (Das Gebet vor dem Schlaf)[36]

Strophe 9:

  • Laliş ciyê bi nûr e (Lalisch ist der Ort des Lichtes)
  • Ewe mekanê Siltan Êzîdê sore (Das ist das Reich vom roten Sultan Ezid)
  • Êzîdxanê lê dibe mor e (Das Land der Jesiden wurde zu seinem Siegel)

Qewle Çarsema Sor“ (Hymne des roten Mittwochs)[37]

Strophe 2:

  • Vers 3: Xwedê berê xwe da Êzîdxanê (Gott blickte zum Land der Jesiden)
  • Vers 5: Ewe êyîda Êzîdxanê (Das ist das Fest des Landes der Jesiden)

Medihê Xwedê“ (Hymne Gottes)[37]

Strophe 11:

  • Vers 8: Ya Ȓebî! Tu bêyî heware Êzîdxanê (Oh Schöpfer! Komm bitte und hilf dem Land der Jesiden)

Strophe 12:

  • Vers 4: Qup û qewata dîne Êzîdxanê (Die Tempel und die Kraft der Religion des Landes der Jesiden)

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der jesidischen Geschichte gab es viele jesidische Herrscher und Fürsten die über jesidisch-bewohnten Gebieten regierten und von den Jesiden heute als Nationalhelden geehrt werden. Hier sind einige Beispiele:

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Yezidi Public Information Bureau (Jesidisch-öffentliches Informationsbüro): www.ezidikhan.net

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. abc Lokman Turgut: Mündliche Literatur der Kurden in den Regionen Botan und Hekarî. Logos Verlag Berlin GmbH, 2011, ISBN 978-3-8325-2727-3, S. 160, 161 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche [abgerufen am 31. Dezember 2017]).
  2. ab HPŞ benennt sich in HPÊ um: Hêza Parastina Êzîdxan | ÊzîdîPress. Abgerufen am 31. Dezember 2017 (deutsch).
  3. 1,300 Yezidi men and women receiving military training to defend Shingal. Rudaw.net, 9. April 2016; abgerufen am 1. Januar 2018 (englisch).
  4. Êzîdxan: Ein Projekt von Eziden und PKK - und die Rolle Deutschlands – Politik – Deutsch Türkisches Journal | DTJ ONLINE. In: Deutsch Türkisches Journal | DTJ ONLINE. 14. März 2015 (dtj-online.de [abgerufen am 31. Dezember 2017]).
  5. Êzîdxan? Eziden denken über Selbstbestimmung. In: HuffPost Deutschland. 8. Juli 2016 (huffingtonpost.de [abgerufen am 31. Dezember 2017]).
  6. ab Elke Dangeleit: Nordirak: Christen und Eziden unter Druck. Abgerufen am 2. Januar 2018 (deutsch).
  7. Elke Dangeleit: Nordirak: Christen und Eziden fordern autonome Provinzen. Abgerufen am 3. Januar 2018 (deutsch).
  8. Hannoversche Allgemeine Zeitung, Hannover, Niedersachsen, Germany: Jesiden demonstrieren in der Innenstadt. Abgerufen am 2. Januar 2018 (deutsch).
  9. Dr Amy L. Beam: Gohbal: How Arabs Stole Yezidi Land. In: NRT. 17. Januar 2017; abgerufen am 31. Dezember 2017 (englisch).
  10. United States Institute of Peace: Iraq's Disputed Territories. Abgerufen am 28. September 2016 (PDF).
  11. Human Rights Watch (HRW): On Vulnerable Ground. Abgerufen am 28. September 2016 (PDF).
  12. Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR): UNHCR’s ELIGIBILITY GUIDELINES FOR ASSESSING THE INTERNATIONAL PROTECTION NEEDS OF IRAQI ASYLUM-SEEKERS. Abgerufen am 28. September 2016 (PDF).
  13. Baghdad, Iraqi Kurds put Yazidis in political bind. In: The Daily Star Newspaper - Lebanon. 11. Dezember 2017 (com.lb [abgerufen am 4. Januar 2018]).
  14. Elke Dangeleit und Michael Knapp: Streit um Shengal. Abgerufen am 4. Januar 2018 (deutsch).
  15. SPIEGEL ONLINE, Hamburg, Germany: Irak: Kurden-Miliz kämpft offenbar mit deutschen Waffen gegen Jesiden - SPIEGEL ONLINE. Abgerufen am 2. Januar 2018.
  16. Peshmerga left 95 % of Iraq’s ‘disputed’ areas: Official. Abgerufen am 4. Januar 2018.
  17. Yazidis caught in 'political football' between Baghdad, Iraqi Kurds. In: Reuters. 10. Dezember 2017 (reuters.com [abgerufen am 4. Januar 2018]).
  18. Verbrechen an Jesiden: „Wir brauchen internationalen Schutz“. In: Die Presse. (diepresse.com [abgerufen am 2. Januar 2018]).
  19. Thierry Meyssan: Trump und der Sezessionismus. In: Free21. 21. November 2017; abgerufen am 31. Dezember 2017 (PDF).
  20. Voltaire Network: Establishment of the Provisional Government of Ezidikhan. In: Voltaire Network. (voltairenet.org [abgerufen am 31. Dezember 2017]).
  21. Baba Sheikh: “Kurdish referendum is not for Yezidis” – Ezidikhan Public Information Bureau. Abgerufen am 31. Dezember 2017 (amerikanisches Englisch).
  22. Yezidi establish the Provisional Government of the Autonomous Nation of Ezidikhan. In: Intercontinental Cry. 27. Juli 2017 (intercontinentalcry.org [abgerufen am 31. Dezember 2017]).
  23. Yazidis Proclaim the Establishment of a Provisional Government. Abgerufen am 31. Dezember 2017.
  24. Êzidî women: Autonomy will bring freedom. In: ANF News. (anfenglish.com [abgerufen am 3. Januar 2018]).
  25. Demokratische Autonomie in Şengal deklariert - Civaka Azad. In: Civaka Azad. 23. August 2017 (civaka-azad.org [abgerufen am 3. Januar 2018]).
  26. Democratic autonomy declared in Iraq's Yazidi Sinjar. In: Kurd Net - Ekurd.net Daily News. 22. August 2017 (ekurd.net [abgerufen am 4. Januar 2018]).
  27. Yazidis Begin Reconstruction Talks in Baghdad. Abgerufen am 1. Januar 2018.
  28. Ergebnisdokument der Plenartagung der Generalversammlung auf hoher Ebene mit der Bezeichnung „Weltkonferenz über indigene Völker“. In: Generalversammlung der Vereinten Nationen. 15. September 2014; abgerufen am 1. Januar 2018 (PDF).
  29. Ezidikhan’s first woman Minister of External Affairs appointed. In: The Kurdish Project. 19. Dezember 2017 (thekurdishproject.org [abgerufen am 1. Januar 2018]).
  30. Sinan Gündoğar: Kürt Masalları. Evrensel Basım Yayın, 2015, ISBN 978-6-05331268-0 (google.de [abgerufen am 2. Januar 2018]).
  31. The Biblical Repository and Classical Review. J. M. Sherwood., 1842 (google.de [abgerufen am 14. Januar 2018]).
  32. Bela Bates Edwards, Absalom Peters, John Holmes Agnew, Selah Burr Treat: The American Biblical Repository. 1842 (google.de [abgerufen am 14. Januar 2018]).
  33. Bundeszentrale für politische Bildung: Droht eine Zerstörung der ethnischen und religiösen Vielfalt im Irak? | bpb mobil. Abgerufen am 31. Dezember 2017.
  34. Ferhad Ibrahim: Droht eine Zerstörung der ethnischen und religiösen Vielfalt im Irak? In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 28. Februar 2011; abgerufen am 31. Dezember 2017 (PDF).
  35. Qesîda Şerfedîn – Die Botschaft Şerfedîns – Êzîpedia. Abgerufen am 31. Dezember 2017 (deutsch).
  36. Dua Razanê – Das Gebet vor dem Schlaf – Êzîpedia. Abgerufen am 4. Januar 2018 (deutsch).
  37. ab Теймураз Авдоев: NEWŞE DÎNÊ ÊZIDIYAN - ЕЗИДСКАЯ РЕЛИГИОЗНАЯ ПОЭЗИЯ - THE YEZIDI RELIGIOUS POETRY. (academia.edu [abgerufen am 5. Januar 2018]).
Flagge der Jesiden

Als Ezidikhan (kurmandschi Êzîdxan, arabisch ايزيدخان, deutsche ÜbersetzungLand der Jesiden[1], wörtlich „Haus der Jesiden[2]) wird bisweilen de facto eine von der jesidischen Miliz „Hêza Parastina Êzîdxan“ (Verteidigungskraft Ezidikhans) kontrollierte Region in dem de jure Sindschar Distrikt im Nordirak bezeichnet.[3][4][5] Die Jesiden streben eine eigene Autonomie an.[6][7][8]

Siedlungsgebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein jesidischer Tempel (schon lange vor dem IS-Einmarsch zerstört) auf der linken Seite und das Minarett der Große Moschee des an-Nuri auf der rechten Seite in Mossul (1932)
Karte der jesidischen Siedlungsgebiete im Nordirak. Der Status der Gebiete im Ninawa Gouvernement ist nach Artikel 140 der irakischen Verfassung noch ungeklärt. Die Gelb markierten Distrikte werden von Jesiden bewohnt. Im Distrikt Sindschar streben die Jesiden eine demokratische Autonomie namens „Êzîdxan“ (Ezidikhan) an. Die anderen drei Distrikte Shekhan, Al-Hamdaniya und Tel Keppe werden auch von Jesiden bewohnt und befinden sich in der Ninive-Ebene. Die Lila markierte Zone ist das offizielle Territorium der Autonomen Region Kurdistan.

Der Begriff „Êzîdxan“ ist auch die Bezeichnung traditioneller und historischer Siedlungsgebiete der Jesiden.[1][2] Zu den Siedlungsgebieten der Jesiden im Irak gehören die irakische Stadt Sindschar, die Dörfer um die Stadt und das gleichnamige Distrikt Sindschar (Khana Sor, Borek, Sinune, Gohbal, Zorava, Dohula, Dugure, Til Ezer, Tel Qasab, Tel Benat, Siba Sheikh Khidir, Kocho etc.), die arabisch sprechenden Gemeinden Baschiqa und Bahzani in der Nähe von Mossul im Al-Hamdaniya Distrikt, die Stadt Shekhan und die Dörfer um die Stadt und das gleichnamige Distrikt Shekhan (Baadre, Hahad etc.), sowie die Heiligenstätte der Jesiden Lalisch in der Autonomen Region Kurdistan. Weitere Dörfer in den die Jesiden auch mit Assyrern zusammen leben sind die Dörfer Bozan, Hatarah usw. im Tel Keppe Distrikt.[9] All diese Städte und Dörfer befinden sich in der irakischen Provinz Ninawa.

Die jesidischen Gebiete gehören offiziell zur irakischen Zentralregierung, werden aber seit dem Sturz Saddam Husseins 2003, von kurdischen Peschmerga Truppen besetzt.[10][11][12] Seitdem der Islamische Staat (IS) aus diesen Gebieten vertrieben wurde, werden die Jesiden für geopolitische Interessen der Kurden durch die kurdischen Parteien missbraucht. Die kurdische Regierung möchte damit die Annexion jesidischer Siedlungsgebiete an die Autonome Region Kurdistan bezwecken, dieses Vorhaben wird auch teilweise durch Gewalt unterstützt.[13][14] Die kurdische Regierung setzt auch deutsche Waffen gegen die Jesiden ein, um zu verhindern, dass sich demokratische Strukturen in diesem Gebiet ausbreiten.[6][15] Auch die irakische Regierung möchte das Territorium nicht den Kurden überlassen. Im Oktober 2017 hat sich die Peschmerga aus diesen Gebieten zurückgezogen. Abu Sardar ein 47-jähriger Jeside sagte dazu in einem Interview mit Reuters: „Wir sind froh, dass die Kurden gegangen sind. Wir sind Jesiden, wir sind keine Kurden, wir wollen nicht Teil von Kurdistan sein.“[16][17]

Die jesidische Menschenrechtsaktivistin und Sacharow-Preisträgerin Lamija Adschi Baschar verlangt in diesen Gebieten internationalen Schutz für Jesiden. Auch der EU-Abgeordnete Josef Weidenholzer spricht sich für politische Autonomie der Jesiden aus.[18]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 25. Juli 2017 verkündete das religiöse Oberhaupt der Jesiden Baba Scheich eine provisorische jesidische Regierung namens „Ezidikhan“.[19][20] Gleichzeitig forderte er die durch den Genozid Vertriebenen Jesiden in ihre Heimat zurückzukehren. Weiterhin sagte er: „Das kurdische Referendum für Unabhängigkeit ist nicht für die Jesiden. Die Jesiden haben ihre eigene Autonomie“.[21] Die Verkündigung fand in der Heiligenstätte der Jesiden Lalisch statt.[22][23]

Am 22. August 2017 haben Jesidinnen auf einer Pressekonferenz einen jesidischen Staat in Sindschar ausgerufen und ihre Regierung als autonom erklärt.[24] Am Tag darauf haben Jesiden auf einer anderen Pressekonferenz in Khana Sor die Gründung einer demokratischen Autonomie namens „Êzîdxan“ bekannt gegeben.[25][26]

Am 2. September 2017 traf sich der Premierminister der provisorischen jesidischen Regierung Waheed Mandoo Hammo mit dem Ministerpräsidenten des Iraks Haider al-Abadi in Bagdad. Bei dem Treffen gab es Gespräche zwischen der Ezidikhan und der irakischen Regierung über politische Autonomie der Jesiden, den Wiederaufbau und die Finanzierung der jesidischen Gebiete und die Rückkehr der jesidischen Flüchtlinge in ihre Heimat. Die jesidische Regierung stellte einen Sechsjahreplan vor. Außerdem wurde über die Errichtung einer stabilen und unabhängigen jesidischen Bank diskutiert. Die Gespräche die am 2. September 2017 begonnen haben, werden derzeit noch weitergeführt. Ezidikhan drängt den Irak, die UN-Erklärung über die Rechte indigener Völker durch ein zwischenstaatliches Abkommen umzusetzen. Sowohl die irakische Regierung als auch die jesidische Regierung haben sich verpflichtet, die Charta der Vereinten Nationen, die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte indigener Völker, die von der Generalversammlung der Vereinten Nationen auf ihrer 61. Tagung am 13. September 2007 verabschiedet wurde und das Ergebnisdokument der Hochrangigen Plenarsitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom September 2014 zu unterstützen und nach diesen Richtlinien zu handeln.[27][28]

Am 1. Dezember 2017 hat der Premierminister von Ezidikhan Waheed Mandoo Hammo Barfo Tamoyan zur ersten Außenministerin von Ezidikhan ernannt. Tamoyan stammt aus Armenien und ist 2005 mit 15 Jahren nach Frankreich ausgewandert. Sie sagte: „Mein Ziel ist es, die europäischen Länder zu überzeugen und sie um Hilfe zu bitten, ein stabiles und unabhängiges freies Land aufzubauen, dass den Flüchtlingen ermöglicht nach Hause zurückzukehren.“[29]

Ursprung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 19. Jahrhundert war Êzîdxan ein autonomes Fürstentum (um das Dorf und die gleichnamige Burg Redwan im Gebiet Garzan, heute nördlich von Cizir in der Türkei) im Osmanischen Reich. Êzîdxan wurde von dem jesidischen Fürsten Seid Beg regiert. Seid Beg verteidigte das jesidische Fürstentum und kämpfte gegen den kurdischen Fürsten Bedirxan Beg, welcher versuchte die Jesiden auszurotten. Bereits vor Seid Beg existierte ein autonomes jesidisches Fürstentum in diesem Gebiet, welches von dem jesidischen Fürsten Mirza Axa (auch Agha oder Aga) regiert wurde, dieser war ständig im Krieg mit anderen kurdischen Fürsten.[1][30][31][32]

(Anmerkung: In der Literatur findet sich häufiger der Begriff „Yezidi Khan“ als Synonym für Ezidikhan.)

In vielen sakralen Texten der Jesiden findet sich das Wort Ezidikhan bzw. Êzîdxan.[33][34]

Hier einige Beispiele:

Qesîda Şerfedîn“ (Die Botschaft Sherfedins)[35]

  • Ciwabê bidne Êzîdxanê (Verkündet die Botschaft im Land der Jesiden)
  • Bila qayîmkin Îmanê (Sie sollen ihren Glauben festigen und verteidigen)
  • Şerfedîn mîr e li dîwanê (Sherfedin ist der Fürst in Residenz)

Du’a Razanê“ (Das Gebet vor dem Schlaf)[36]

Strophe 9:

  • Laliş ciyê bi nûr e (Lalisch ist der Ort des Lichtes)
  • Ewe mekanê Siltan Êzîdê sore (Das ist das Reich vom roten Sultan Ezid)
  • Êzîdxanê lê dibe mor e (Das Land der Jesiden wurde zu seinem Siegel)

Qewle Çarsema Sor“ (Hymne des roten Mittwochs)[37]

Strophe 2:

  • Vers 3: Xwedê berê xwe da Êzîdxanê (Gott blickte zum Land der Jesiden)
  • Vers 5: Ewe êyîda Êzîdxanê (Das ist das Fest des Landes der Jesiden)

Medihê Xwedê“ (Hymne Gottes)[37]

Strophe 11:

  • Vers 8: Ya Ȓebî! Tu bêyî heware Êzîdxanê (Oh Schöpfer! Komm bitte und hilf dem Land der Jesiden)

Strophe 12:

  • Vers 4: Qup û qewata dîne Êzîdxanê (Die Tempel und die Kraft der Religion des Landes der Jesiden)

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der jesidischen Geschichte gab es viele jesidische Herrscher und Fürsten die über jesidisch-bewohnten Gebieten regierten und von den Jesiden heute als Nationalhelden geehrt werden. Hier sind einige Beispiele:

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Yezidi Public Information Bureau (Jesidisch-öffentliches Informationsbüro): www.ezidikhan.net

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. abc Lokman Turgut: Mündliche Literatur der Kurden in den Regionen Botan und Hekarî. Logos Verlag Berlin GmbH, 2011, ISBN 978-3-8325-2727-3, S. 160, 161 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche [abgerufen am 31. Dezember 2017]).
  2. ab HPŞ benennt sich in HPÊ um: Hêza Parastina Êzîdxan | ÊzîdîPress. Abgerufen am 31. Dezember 2017 (deutsch).
  3. 1,300 Yezidi men and women receiving military training to defend Shingal. Rudaw.net, 9. April 2016; abgerufen am 1. Januar 2018 (englisch).
  4. Êzîdxan: Ein Projekt von Eziden und PKK - und die Rolle Deutschlands – Politik – Deutsch Türkisches Journal | DTJ ONLINE. In: Deutsch Türkisches Journal | DTJ ONLINE. 14. März 2015 (dtj-online.de [abgerufen am 31. Dezember 2017]).
  5. Êzîdxan? Eziden denken über Selbstbestimmung. In: HuffPost Deutschland. 8. Juli 2016 (huffingtonpost.de [abgerufen am 31. Dezember 2017]).
  6. ab Elke Dangeleit: Nordirak: Christen und Eziden unter Druck. Abgerufen am 2. Januar 2018 (deutsch).
  7. Elke Dangeleit: Nordirak: Christen und Eziden fordern autonome Provinzen. Abgerufen am 3. Januar 2018 (deutsch).
  8. Hannoversche Allgemeine Zeitung, Hannover, Niedersachsen, Germany: Jesiden demonstrieren in der Innenstadt. Abgerufen am 2. Januar 2018 (deutsch).
  9. Dr Amy L. Beam: Gohbal: How Arabs Stole Yezidi Land. In: NRT. 17. Januar 2017; abgerufen am 31. Dezember 2017 (englisch).
  10. United States Institute of Peace: Iraq's Disputed Territories. Abgerufen am 28. September 2016 (PDF).
  11. Human Rights Watch (HRW): On Vulnerable Ground. Abgerufen am 28. September 2016 (PDF).
  12. Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR): UNHCR’s ELIGIBILITY GUIDELINES FOR ASSESSING THE INTERNATIONAL PROTECTION NEEDS OF IRAQI ASYLUM-SEEKERS. Abgerufen am 28. September 2016 (PDF).
  13. Baghdad, Iraqi Kurds put Yazidis in political bind. In: The Daily Star Newspaper - Lebanon. 11. Dezember 2017 (com.lb [abgerufen am 4. Januar 2018]).
  14. Elke Dangeleit und Michael Knapp: Streit um Shengal. Abgerufen am 4. Januar 2018 (deutsch).
  15. SPIEGEL ONLINE, Hamburg, Germany: Irak: Kurden-Miliz kämpft offenbar mit deutschen Waffen gegen Jesiden - SPIEGEL ONLINE. Abgerufen am 2. Januar 2018.
  16. Peshmerga left 95 % of Iraq’s ‘disputed’ areas: Official. Abgerufen am 4. Januar 2018.
  17. Yazidis caught in 'political football' between Baghdad, Iraqi Kurds. In: Reuters. 10. Dezember 2017 (reuters.com [abgerufen am 4. Januar 2018]).
  18. Verbrechen an Jesiden: „Wir brauchen internationalen Schutz“. In: Die Presse. (diepresse.com [abgerufen am 2. Januar 2018]).
  19. Thierry Meyssan: Trump und der Sezessionismus. In: Free21. 21. November 2017; abgerufen am 31. Dezember 2017 (PDF).
  20. Voltaire Network: Establishment of the Provisional Government of Ezidikhan. In: Voltaire Network. (voltairenet.org [abgerufen am 31. Dezember 2017]).
  21. Baba Sheikh: “Kurdish referendum is not for Yezidis” – Ezidikhan Public Information Bureau. Abgerufen am 31. Dezember 2017 (amerikanisches Englisch).
  22. Yezidi establish the Provisional Government of the Autonomous Nation of Ezidikhan. In: Intercontinental Cry. 27. Juli 2017 (intercontinentalcry.org [abgerufen am 31. Dezember 2017]).
  23. Yazidis Proclaim the Establishment of a Provisional Government. Abgerufen am 31. Dezember 2017.
  24. Êzidî women: Autonomy will bring freedom. In: ANF News. (anfenglish.com [abgerufen am 3. Januar 2018]).
  25. Demokratische Autonomie in Şengal deklariert - Civaka Azad. In: Civaka Azad. 23. August 2017 (civaka-azad.org [abgerufen am 3. Januar 2018]).
  26. Democratic autonomy declared in Iraq's Yazidi Sinjar. In: Kurd Net - Ekurd.net Daily News. 22. August 2017 (ekurd.net [abgerufen am 4. Januar 2018]).
  27. Yazidis Begin Reconstruction Talks in Baghdad. Abgerufen am 1. Januar 2018.
  28. Ergebnisdokument der Plenartagung der Generalversammlung auf hoher Ebene mit der Bezeichnung „Weltkonferenz über indigene Völker“. In: Generalversammlung der Vereinten Nationen. 15. September 2014; abgerufen am 1. Januar 2018 (PDF).
  29. Ezidikhan’s first woman Minister of External Affairs appointed. In: The Kurdish Project. 19. Dezember 2017 (thekurdishproject.org [abgerufen am 1. Januar 2018]).
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