John Law (Soziologe)

John Law (* 16. Mai 1946) ist ein emeritierter britischer Professor für Soziologie, der im Bereich der sozialen Analyse von Wissenschaft, Technik und Macht forscht. Bekannt wurde Law, neben Bruno Latour und Michel Callon, als einer der Mitbegründer der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT). Darüber hinaus hat er mit seiner Weiterentwicklung und Kritik an der Akteur-Netzwerk-Theorie den sogenannten „Post-ANT“-Diskurs angestoßen.

John Law arbeitet zumeist empirisch innerhalb der Science and Technology Studies (STS) und seine Forschung zeichnet sich durch starke interdisziplinäre Kooperationen aus.

Akademischer Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seinem Bachelorstudium in Economics am University College Cardiff wurde Law an der Science Studies Unit der Universität Edinburgh mit dem Thema Specialties in Science: A Sociological Study of X-ray Protein Crystallography promoviert.[1] Nach seinem PhD in Manchester arbeitete er bis 1998 als Senior Lecturer für Soziologie und Anthropologie an der Universität Keele.[2] Anschließend ging Law an die Universität Lancaster, an welcher er als Professor und Co-Leiter der Soziologischen Fakultät fungierte.

Zwischen 2000 und 2003 war John Law anschließend Direktor des Centre for Science Studies in Lancaster - eines interdisziplinären Forschungszentrums für Soziologie, Womens Studies, Umwelt, Philosophie und Politik, Geschichte und Management - bis er 2003 als Professor an die Faculty of Arts & Social Sciences der Open University wechselte. An der Open University basiert das Studienprinzip auf dem des Supported Distance Learning, einer Art des Fernstudiums.[3] Law übernahm hier den Posten des Direktors am dortigen Centre for Research on Socio-Cultural Change (CRESC), einer Kooperation der Open University und der Universität Manchester. Neben seiner Direktorentätigkeit leitete er die Abteilung Social Life of Methods des CRESC.[4]

2014 wurde John Law an der Open University emeritiert.[5] Zwischen August 2014 und Februar 2015 war er anschließend Gastprofessor bei der Forschungsgruppe Technologies in Practice an der IT-Universität Kopenhagen.[6] 2015–2016 nahm er als Fellow an der Forschungsgruppe Arctic Domestication in the era of the Anthropocene am Centre for Advanced Study of the Norwegian Academy of Science and Letters in Oslo teil.[7]

Derzeit ist Law Visiting Professor an der Sámi University of Applied Sciences, einer Hochschule der indigenen Gruppe der Samen, im norwegischen Kautokeino.[8] Zudem ist er Honorarprofessor für Soziologie am Centre for Science Studies (CSS) und Centre for the Study of Environmental Change (CSEC) der Universität Lancaster.[9]

Im Jahr 2015 erhielt John Law den John-Desmond-Bernal-Preis, der von der Society for Social Studies of Sciences für Leistungen auf dem Feld der Science and Technology Studies verliehen wird.[1]

Verortung Laws im Akteur-Netzwerk-Diskurs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bekannt wurde John Law als einer der Vertreter der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT). So waren John Law und Michel Callon in den frühen 1980er Jahren die ersten, die den Namen des „Akteur-Netzwerks“ für ihre Theoriebildung verwendeten. Oft in Zusammenarbeit mit Forschenden aus verschiedensten Disziplinen trieben John Law, Bruno Latour und Michel Callon mit ihren Beiträgen die Entwicklung der ANT voran. Ihre Schriften werden heute als „Klassiker“ der Akteur-Netzwerk-Theorie gehandelt.[10] Die ANT hat sich dabei inzwischen erfolgreich als eigenständige Position innerhalb der Soziologie zwischen technischem und sozialem Determinismus etabliert.[10] Daneben ist die ANT zu einem theoretischen Gefüge geworden, das auch über die Grenzen der soziologischen Wissenschaftsforschung hinaus an Bedeutung gewonnen hat[10] und als prominenteste Theorie innerhalb der Science and Technology Studies bezeichnet wird.[11]

Nach Law ist der zentrale Analyseschritt der Akteur-Netzwerk-Theorie die Erkenntnis, dass „das Soziale“ nichts anderes ist als strukturierte Netzwerke, die aus heterogenen Materialien bestehen.[12] Ohne die Heterogenität der sozialen Netzwerke gäbe es nach Law keine Gesellschaft.[12]

Darüber hinaus gibt es nach Law zwischen Personen und Objekten keinen Wesensunterschied. Das, was als Person gelte, sei ebenso wie bei Objekten, ein Effekt, der von einem aus heterogenen, interagierenden Materialien bestehenden Netzwerk erzeugt wird.[12] Die Aufgabe der Soziologie besteht nun nach Law in der Charakterisierung eben dieser Netzwerke und deren Heterogenität, und in der Erforschung der Art und Weise, wie sie so strukturiert sind, dass sie Effekte wie Organisationen, Ungleichheit und Macht erzeugen.[12]

Law arbeitet dabei vor allem empirisch mit der Akteur-Netzwerk-Theorie und an der Weiterentwicklung derselben.[1]

Über die Akteur-Netzwerk-Theorie hinaus: Post-ANT[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ANT war von Beginn an ein heterogener, sich dynamisch entwickelnder Forschungsansatz, der beständig von seinen Vertretern weiterentwickelt wurde. Die Tatsache, dass die ANT in den frühen 1990er Jahren eine gewisse theoretische und empirische Kohärenz erreicht und sich zu einem der dominierenden Science-and-Technology-Studies-Ansätze entwickelt hatte, löste auch eine kritische Auseinandersetzung mit ihren zentralen Grundannahmen aus. Vor dem Hintergrund dieser Debatten bildeten sich um die Jahrtausendwende herum die Konturen eines neuen Ansatzes heraus:

Mit seinem Sammelband Actor Network Theory and after, den Law im Jahr 1999 gemeinsam mit John Hassard publizierte, wurde eine „Post-ANT“-Diskussion eingeläutet, die auch als dritte Phase der Akteur-Netzwerk-Theorie bezeichnet wird.[13] Die Vertreterinnen der Post-ANT, zu deren wichtigsten neben Law auch Annemarie Mol gezählt wird, streben eine Neuausrichtung der ANT in Richtung einer radikal empirischen, performanzorientierten Forschung an.[11]

Die zentralen Annahmen der Post-ANT lassen sich durch die Begriffe Performanz, Fluidität, Multiplitzität umreißen: Die Post-ANT-Vertreterinnen gehen erstens davon aus, dass Realitäten (das können Netzwerke sein oder Körper oder Krankheiten) in Praktiken hergestellt werden (Performanz). Es wird zweitens aufgezeigt, dass stets verschiedene Versionen von Netzwerken gleichzeitig bestehen können, es also nebeneinander bestehende, multiple Realitäten gibt (Multiplizität). Drittens seien Netzwerke ebenso fluide wie die Herstellungsprozesse, in denen sie gemacht werden. Der Blick der „traditionellen“ ANT sei zu sehr auf den Zustand nach bereits erfolgter Stabilisierung ausgelegt. Der Fokus der Forschenden soll nach Meinung der Post-ANT-Vertreterinnen daher verschoben werden von bereits stabilisierten Netzwerken hin zum Herstellungsprozess von Netzwerken.[11] Somit soll der Blick auf die flüchtigen Bereiche jenseits der bereits stabilisierten Netzwerke ausgeweitet werden (Fluidität).[13] Die Vertreterinnen der Post-ANT werfen der klassischen ANT also vor, singuläre und stabile Ordnungen und Netzwerke anzunehmen, die aber nach Ansicht der Post-ANT-Vertreterinnen eher die Ausnahme als die Regel sind.[11]

Dazu plädiert Law dafür, die herkömmlichen wissenschaftlichen Methoden zu erweitern. Dies fordert er sowohl für die qualitativen Methoden als auch für die quantitativen Methoden der Sozialforschung und beteiligt sich mit seiner Forschung an deren Weiterentwicklung.[13]

Forschungsinteressen mit und neben der ANT[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Law versteht sich als interdisziplinärer Denker und arbeitete mit Forschenden aus der Anthropologie, der Soziologie, Philosophie, Ingenieurswissenschaft, Geographie und praktizierenden Medizinern gemeinsam an Projekten.[14] Neben seiner Forschung zu komplexen sozialen und technischen Gefügen widmet er seine Aufmerksamkeit vermehrt auch fluiden Dingen wie Agape, Leidenschaft, Ästhetik, Spiritualität, fraktalen Entitäten, Unsichtbarkeiten und Asymmetrien, die nicht in gängige Vorstellungen von Netzwerken, Kalkulierbarkeit, Vernunft und Rationalität passen, sowie Methoden der Reflexion darüber.[15]

Aktuelle Projekte Laws beschäftigen sich unter anderem mit postkolonialen Wegen, Wissen zu erlangen, vor allem innerhalb der Science and Technology Studies oder der Verhältnisbestimmung von Natur und Kultur in einer „anti-foundamentalist era“. Außerdem arbeitet Law an der Weiterentwicklung der Methoden der empirischen Sozialforschung.[5]

Zentrale Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ins Deutsche übersetzte Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Band ANThology: ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie von Andréa Bellinger und David Krieger sind „die von der Wirkungsgeschichte betrachtet her wichtigsten Artikel“ (Bellinger, Krieger 2006) der bekanntesten Vertreterinnen der Akteurs-Netzwerk-Theorie ins Deutsche übersetzt:

  • John Law: Technik und heterogenes Engineering: Der Fall der portugiesischen Expansion. Original: John Law (1987): Technology and Heterogeneous Engineering: the Case of the Portuguese Expansion, In: Wiebe Bijker, Thomas Hughes and Trevor Pinch (eds.): The Social Construction of Technological Systems. M.I.T. Press, Cambridge 1987:S. 111–134.
  • John Law und Michel Callon: Leben und Sterben eines Flugzeugs: Eine Netzwerkanalyse technischen Wandels. Original: Michel Callon and John Law: Engineering and Sociology in a Military Aircraft Project: A Network Analysis of Technical Change, In: Social Problems, Jahrgang 1988, Nr. 35: S. 284–297.
  • John Law: Monster, Maschinen und soziotechnische Beziehungen. Original: John Law: Introduction: Monsters, Machines and Sociotechnical Relations, In: Helga Nowotny and Taschwer (eds): The Sociology of Science. Edward Elgar, London 1995.
  • John Law: Notizen zur Akteur-Netzwerk-Theorie: Ordnung, Strategie, Heterogenität. Original: John Law: Notes on the Theory of the Actor-network: Ordering, Strategy and Heterogeneity, In: Warwick Organizational Behaviour Staff: Organizational Studies: Critical Perspectives, Vol 2: Objectivity and Its Other.Routledge, London 2000.

Monografien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • John Law und Peter Lodge: Science for Social Scientists. Macmillan, London 1984.
  • John Law: Organizing Modernity. Blackwell, Oxford/Cambridge 1994.
  • John Law: Aircraft Stories: Decentering the Object in Technoscience. Duke University Press, Durham 2002.
  • John Law: After Method: Mess in Social Science Research.Routledge, London 2004.

Herausgeberschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • John Law, Michel Callon und Arie Rip: Mapping the Dynamics of Science and Technology, Sociology of Science in the Real World. Macmillan, London 1986.
  • John Law: Power, Action and Belief: a New Sociology of Knowledge? Sociological Review Monograph Nr. 32, Routledge and Kegan Paul, London 1986.
  • John Law und Gordon Fyfe: Picturing Power: Visual Depiction and Social Relations. Sociological Review Monograph Nr. 35, Routledge, London 1988.
  • John Law: A Sociology of Monsters: Essays on Power, Technology and Domination. Sociological Review Monograph Nr. 38, Routledge, London 1991.
  • John Law und John Hassard: Actor Network Theory and After. Sociological Review and Blackwell, Oxford 1999.
  • John Law und Annemarie Mol: Complexities: Social Studies of Knowledge Practices. Durham, Duke University Press, Durham 2002.
  • John Law und Wiebe Bijker: Shaping Technology — Building Society: Studies in Sociotechnical Change. MIT Press, Cambridge 1992.
  • John Law und Evelyn Ruppert: Modes of Knowing: Resources from the Baroque.Mattering Press, Manchester 2016.

Eine Verlinkung zur vollständigen Publikationsliste John Laws befindet sich in den Weblinks.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Andréa Bellinger und David Krieger (2006): ANThology: ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. transcript: Bielefeld.
  • Birgit Peuker (2010): Akteur-Netzwerk-Theorie. In: Christian Stegbauer und Roger Häußling (Hrsg): Handbuch Netzwerkforschung. Springer VS: Wiesbaden.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. abc Society for Social Studies of Science: Bernal Prize 2015: John Law. Abgerufen am 27. Januar 2018 (englisch).
  2. John Law: Power, Action and Belief: A New Sociology of Knowledge. Routledge & Kegan Paul, London 1986.
  3. Andréa Bellinger: ANThology : ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. transcript, Bielefeld 2006, S. 578.
  4. Faculty of Arts and Social Sciences, Open University: Professor John Law. Abgerufen am 27. Januar 2018.
  5. ab HeterogeneitiesDOTnet: Research Projects. Abgerufen am 22. November 2017 (englisch).
  6. Tea in TiP: Interview with Visiting Professor John Law. Abgerufen am 27. Januar 2018.
  7. Centre for Advanced Study (CAS Oslo) at The Norwegian Academy of Science and Letters: John Law. Abgerufen am 27. Januar 2018.
  8. John Law: HeterogeneitiesDOTnet: contact and cv. Abgerufen am 27. Januar 2018.
  9. University of Lancaster, Department of Sociology: Professor John Law. Abgerufen am 27. Januar 2018.
  10. abc Andréa Bellinger, David Krieger: Vorwort. In: Andréa Bellinger, David Krieger (Hrsg.): ANThology. transcript, Bielefeld 2006, S. 9–13.
  11. abcd Christoph Kehl: Zwischen Geist und Gehirn - das Gedächtnis als Objekt der Lebenswissenschaften. transcript, Bielefeld 2012.
  12. abcd John Law: Notizen zur Akteur-Netzwerk-Theorie: Ordnung, Strategie und Heterogenität. In: Andréa Bellinger und David J. Krieger (Hrsg.): ANThology: Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. transcript, Bielefeld 2006, S. 431.
  13. abc Birgit Peuker: Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT). In: Christian Stegbauer, Roger Häußling (Hrsg.): Handbuch Netzwerkforschung. Springer VS, Wiesbaden 2010, S. 325–335.
  14. Daniel Martinez, Shruti Shah, Praveen Shekhar and Vina Zerlina: John Law. In: Humans and Technology - Projekthomepage des Masterstudiengangs Human Centered Design and Engineering an der University of Washington. Abgerufen am 12. März 2018.
  15. Andréa Bellinger, David Krieger: Autorinnen und Autoren. In: Andréa Bellinger, David Krieger (Hrsg.): ANThology: ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. transcript, Bielefeld 2006.
Diese Seite befindet sich derzeit im Review. Sag dort deine Meinung zum Artikel und hilf mit, ihn zu verbessern!

John Law (* 16. Mai 1946) ist ein emeritierter britischer Professor für Soziologie, der im Bereich der sozialen Analyse von Wissenschaft, Technik und Macht forscht. Bekannt wurde Law, neben Bruno Latour und Michel Callon, als einer der Mitbegründer der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT). Darüber hinaus hat er mit seiner Weiterentwicklung und Kritik an der Akteur-Netzwerk-Theorie den sogenannten „Post-ANT“-Diskurs angestoßen.

John Law arbeitet zumeist empirisch innerhalb der Science and Technology Studies (STS) und seine Forschung zeichnet sich durch starke interdisziplinäre Kooperationen aus.

Akademischer Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seinem Bachelorstudium in Economics am University College Cardiff wurde Law an der Science Studies Unit der Universität Edinburgh mit dem Thema Specialties in Science: A Sociological Study of X-ray Protein Crystallography promoviert.[1] Nach seinem PhD in Manchester arbeitete er bis 1998 als Senior Lecturer für Soziologie und Anthropologie an der Universität Keele.[2] Anschließend ging Law an die Universität Lancaster, an welcher er als Professor und Co-Leiter der Soziologischen Fakultät fungierte.

Zwischen 2000 und 2003 war John Law anschließend Direktor des Centre for Science Studies in Lancaster - eines interdisziplinären Forschungszentrums für Soziologie, Womens Studies, Umwelt, Philosophie und Politik, Geschichte und Management - bis er 2003 als Professor an die Faculty of Arts & Social Sciences der Open University wechselte. An der Open University basiert das Studienprinzip auf dem des Supported Distance Learning, einer Art des Fernstudiums.[3] Law übernahm hier den Posten des Direktors am dortigen Centre for Research on Socio-Cultural Change (CRESC), einer Kooperation der Open University und der Universität Manchester. Neben seiner Direktorentätigkeit leitete er die Abteilung Social Life of Methods des CRESC.[4]

2014 wurde John Law an der Open University emeritiert.[5] Zwischen August 2014 und Februar 2015 war er anschließend Gastprofessor bei der Forschungsgruppe Technologies in Practice an der IT-Universität Kopenhagen.[6] 2015–2016 nahm er als Fellow an der Forschungsgruppe Arctic Domestication in the era of the Anthropocene am Centre for Advanced Study of the Norwegian Academy of Science and Letters in Oslo teil.[7]

Derzeit ist Law Visiting Professor an der Sámi University of Applied Sciences, einer Hochschule der indigenen Gruppe der Samen, im norwegischen Kautokeino.[8] Zudem ist er Honorarprofessor für Soziologie am Centre for Science Studies (CSS) und Centre for the Study of Environmental Change (CSEC) der Universität Lancaster.[9]

Im Jahr 2015 erhielt John Law den John-Desmond-Bernal-Preis, der von der Society for Social Studies of Sciences für Leistungen auf dem Feld der Science and Technology Studies verliehen wird.[1]

Verortung Laws im Akteur-Netzwerk-Diskurs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bekannt wurde John Law als einer der Vertreter der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT). So waren John Law und Michel Callon in den frühen 1980er Jahren die ersten, die den Namen des „Akteur-Netzwerks“ für ihre Theoriebildung verwendeten. Oft in Zusammenarbeit mit Forschenden aus verschiedensten Disziplinen trieben John Law, Bruno Latour und Michel Callon mit ihren Beiträgen die Entwicklung der ANT voran. Ihre Schriften werden heute als „Klassiker“ der Akteur-Netzwerk-Theorie gehandelt.[10] Die ANT hat sich dabei inzwischen erfolgreich als eigenständige Position innerhalb der Soziologie zwischen technischem und sozialem Determinismus etabliert.[10] Daneben ist die ANT zu einem theoretischen Gefüge geworden, das auch über die Grenzen der soziologischen Wissenschaftsforschung hinaus an Bedeutung gewonnen hat[10] und als prominenteste Theorie innerhalb der Science and Technology Studies bezeichnet wird.[11]

Nach Law ist der zentrale Analyseschritt der Akteur-Netzwerk-Theorie die Erkenntnis, dass „das Soziale“ nichts anderes ist als strukturierte Netzwerke, die aus heterogenen Materialien bestehen.[12] Ohne die Heterogenität der sozialen Netzwerke gäbe es nach Law keine Gesellschaft.[12]

Darüber hinaus gibt es nach Law zwischen Personen und Objekten keinen Wesensunterschied. Das, was als Person gelte, sei ebenso wie bei Objekten, ein Effekt, der von einem aus heterogenen, interagierenden Materialien bestehenden Netzwerk erzeugt wird.[12] Die Aufgabe der Soziologie besteht nun nach Law in der Charakterisierung eben dieser Netzwerke und deren Heterogenität, und in der Erforschung der Art und Weise, wie sie so strukturiert sind, dass sie Effekte wie Organisationen, Ungleichheit und Macht erzeugen.[12]

Law arbeitet dabei vor allem empirisch mit der Akteur-Netzwerk-Theorie und an der Weiterentwicklung derselben.[1]

Über die Akteur-Netzwerk-Theorie hinaus: Post-ANT[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ANT war von Beginn an ein heterogener, sich dynamisch entwickelnder Forschungsansatz, der beständig von seinen Vertretern weiterentwickelt wurde. Die Tatsache, dass die ANT in den frühen 1990er Jahren eine gewisse theoretische und empirische Kohärenz erreicht und sich zu einem der dominierenden Science-and-Technology-Studies-Ansätze entwickelt hatte, löste auch eine kritische Auseinandersetzung mit ihren zentralen Grundannahmen aus. Vor dem Hintergrund dieser Debatten bildeten sich um die Jahrtausendwende herum die Konturen eines neuen Ansatzes heraus:

Mit seinem Sammelband Actor Network Theory and after, den Law im Jahr 1999 gemeinsam mit John Hassard publizierte, wurde eine „Post-ANT“-Diskussion eingeläutet, die auch als dritte Phase der Akteur-Netzwerk-Theorie bezeichnet wird.[13] Die Vertreterinnen der Post-ANT, zu deren wichtigsten neben Law auch Annemarie Mol gezählt wird, streben eine Neuausrichtung der ANT in Richtung einer radikal empirischen, performanzorientierten Forschung an.[11]

Die zentralen Annahmen der Post-ANT lassen sich durch die Begriffe Performanz, Fluidität, Multiplitzität umreißen: Die Post-ANT-Vertreterinnen gehen erstens davon aus, dass Realitäten (das können Netzwerke sein oder Körper oder Krankheiten) in Praktiken hergestellt werden (Performanz). Es wird zweitens aufgezeigt, dass stets verschiedene Versionen von Netzwerken gleichzeitig bestehen können, es also nebeneinander bestehende, multiple Realitäten gibt (Multiplizität). Drittens seien Netzwerke ebenso fluide wie die Herstellungsprozesse, in denen sie gemacht werden. Der Blick der „traditionellen“ ANT sei zu sehr auf den Zustand nach bereits erfolgter Stabilisierung ausgelegt. Der Fokus der Forschenden soll nach Meinung der Post-ANT-Vertreterinnen daher verschoben werden von bereits stabilisierten Netzwerken hin zum Herstellungsprozess von Netzwerken.[11] Somit soll der Blick auf die flüchtigen Bereiche jenseits der bereits stabilisierten Netzwerke ausgeweitet werden (Fluidität).[13] Die Vertreterinnen der Post-ANT werfen der klassischen ANT also vor, singuläre und stabile Ordnungen und Netzwerke anzunehmen, die aber nach Ansicht der Post-ANT-Vertreterinnen eher die Ausnahme als die Regel sind.[11]

Dazu plädiert Law dafür, die herkömmlichen wissenschaftlichen Methoden zu erweitern. Dies fordert er sowohl für die qualitativen Methoden als auch für die quantitativen Methoden der Sozialforschung und beteiligt sich mit seiner Forschung an deren Weiterentwicklung.[13]

Forschungsinteressen mit und neben der ANT[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Law versteht sich als interdisziplinärer Denker und arbeitete mit Forschenden aus der Anthropologie, der Soziologie, Philosophie, Ingenieurswissenschaft, Geographie und praktizierenden Medizinern gemeinsam an Projekten.[14] Neben seiner Forschung zu komplexen sozialen und technischen Gefügen widmet er seine Aufmerksamkeit vermehrt auch fluiden Dingen wie Agape, Leidenschaft, Ästhetik, Spiritualität, fraktalen Entitäten, Unsichtbarkeiten und Asymmetrien, die nicht in gängige Vorstellungen von Netzwerken, Kalkulierbarkeit, Vernunft und Rationalität passen, sowie Methoden der Reflexion darüber.[15]

Aktuelle Projekte Laws beschäftigen sich unter anderem mit postkolonialen Wegen, Wissen zu erlangen, vor allem innerhalb der Science and Technology Studies oder der Verhältnisbestimmung von Natur und Kultur in einer „anti-foundamentalist era“. Außerdem arbeitet Law an der Weiterentwicklung der Methoden der empirischen Sozialforschung.[5]

Zentrale Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ins Deutsche übersetzte Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Band ANThology: ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie von Andréa Bellinger und David Krieger sind „die von der Wirkungsgeschichte betrachtet her wichtigsten Artikel“ (Bellinger, Krieger 2006) der bekanntesten Vertreterinnen der Akteurs-Netzwerk-Theorie ins Deutsche übersetzt:

  • John Law: Technik und heterogenes Engineering: Der Fall der portugiesischen Expansion. Original: John Law (1987): Technology and Heterogeneous Engineering: the Case of the Portuguese Expansion, In: Wiebe Bijker, Thomas Hughes and Trevor Pinch (eds.): The Social Construction of Technological Systems. M.I.T. Press, Cambridge 1987:S. 111–134.
  • John Law und Michel Callon: Leben und Sterben eines Flugzeugs: Eine Netzwerkanalyse technischen Wandels. Original: Michel Callon and John Law: Engineering and Sociology in a Military Aircraft Project: A Network Analysis of Technical Change, In: Social Problems, Jahrgang 1988, Nr. 35: S. 284–297.
  • John Law: Monster, Maschinen und soziotechnische Beziehungen. Original: John Law: Introduction: Monsters, Machines and Sociotechnical Relations, In: Helga Nowotny and Taschwer (eds): The Sociology of Science. Edward Elgar, London 1995.
  • John Law: Notizen zur Akteur-Netzwerk-Theorie: Ordnung, Strategie, Heterogenität. Original: John Law: Notes on the Theory of the Actor-network: Ordering, Strategy and Heterogeneity, In: Warwick Organizational Behaviour Staff: Organizational Studies: Critical Perspectives, Vol 2: Objectivity and Its Other.Routledge, London 2000.

Monografien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • John Law und Peter Lodge: Science for Social Scientists. Macmillan, London 1984.
  • John Law: Organizing Modernity. Blackwell, Oxford/Cambridge 1994.
  • John Law: Aircraft Stories: Decentering the Object in Technoscience. Duke University Press, Durham 2002.
  • John Law: After Method: Mess in Social Science Research.Routledge, London 2004.

Herausgeberschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • John Law, Michel Callon und Arie Rip: Mapping the Dynamics of Science and Technology, Sociology of Science in the Real World. Macmillan, London 1986.
  • John Law: Power, Action and Belief: a New Sociology of Knowledge? Sociological Review Monograph Nr. 32, Routledge and Kegan Paul, London 1986.
  • John Law und Gordon Fyfe: Picturing Power: Visual Depiction and Social Relations. Sociological Review Monograph Nr. 35, Routledge, London 1988.
  • John Law: A Sociology of Monsters: Essays on Power, Technology and Domination. Sociological Review Monograph Nr. 38, Routledge, London 1991.
  • John Law und John Hassard: Actor Network Theory and After. Sociological Review and Blackwell, Oxford 1999.
  • John Law und Annemarie Mol: Complexities: Social Studies of Knowledge Practices. Durham, Duke University Press, Durham 2002.
  • John Law und Wiebe Bijker: Shaping Technology — Building Society: Studies in Sociotechnical Change. MIT Press, Cambridge 1992.
  • John Law und Evelyn Ruppert: Modes of Knowing: Resources from the Baroque.Mattering Press, Manchester 2016.

Eine Verlinkung zur vollständigen Publikationsliste John Laws befindet sich in den Weblinks.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Andréa Bellinger und David Krieger (2006): ANThology: ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. transcript: Bielefeld.
  • Birgit Peuker (2010): Akteur-Netzwerk-Theorie. In: Christian Stegbauer und Roger Häußling (Hrsg): Handbuch Netzwerkforschung. Springer VS: Wiesbaden.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. abc Society for Social Studies of Science: Bernal Prize 2015: John Law. Abgerufen am 27. Januar 2018 (englisch).
  2. John Law: Power, Action and Belief: A New Sociology of Knowledge. Routledge & Kegan Paul, London 1986.
  3. Andréa Bellinger: ANThology : ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. transcript, Bielefeld 2006, S. 578.
  4. Faculty of Arts and Social Sciences, Open University: Professor John Law. Abgerufen am 27. Januar 2018.
  5. ab HeterogeneitiesDOTnet: Research Projects. Abgerufen am 22. November 2017 (englisch).
  6. Tea in TiP: Interview with Visiting Professor John Law. Abgerufen am 27. Januar 2018.
  7. Centre for Advanced Study (CAS Oslo) at The Norwegian Academy of Science and Letters: John Law. Abgerufen am 27. Januar 2018.
  8. John Law: HeterogeneitiesDOTnet: contact and cv. Abgerufen am 27. Januar 2018.
  9. University of Lancaster, Department of Sociology: Professor John Law. Abgerufen am 27. Januar 2018.
  10. abc Andréa Bellinger, David Krieger: Vorwort. In: Andréa Bellinger, David Krieger (Hrsg.): ANThology. transcript, Bielefeld 2006, S. 9–13.
  11. abcd Christoph Kehl: Zwischen Geist und Gehirn - das Gedächtnis als Objekt der Lebenswissenschaften. transcript, Bielefeld 2012.
  12. abcd John Law: Notizen zur Akteur-Netzwerk-Theorie: Ordnung, Strategie und Heterogenität. In: Andréa Bellinger und David J. Krieger (Hrsg.): ANThology: Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. transcript, Bielefeld 2006, S. 431.
  13. abc Birgit Peuker: Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT). In: Christian Stegbauer, Roger Häußling (Hrsg.): Handbuch Netzwerkforschung. Springer VS, Wiesbaden 2010, S. 325–335.
  14. Daniel Martinez, Shruti Shah, Praveen Shekhar and Vina Zerlina: John Law. In: Humans and Technology - Projekthomepage des Masterstudiengangs Human Centered Design and Engineering an der University of Washington. Abgerufen am 12. März 2018.
  15. Andréa Bellinger, David Krieger: Autorinnen und Autoren. In: Andréa Bellinger, David Krieger (Hrsg.): ANThology: ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. transcript, Bielefeld 2006.
Diese Seite befindet sich derzeit im Review. Sag dort deine Meinung zum Artikel und hilf mit, ihn zu verbessern!
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel John Law (Soziologe) aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.