Locarno Festival

Die Piazza Grande von Locarno während der Filmfestspiele 2005
Festivalplakat 2010

Das Locarno Festival findet seit 1946 jedes Jahr im August in der Stadt Locarno im Kanton Tessin in der Schweiz statt. Es gehört nach den Filmfestspielen von Venedig und dem Moskauer Filmfestival, die beide bereits in den 1930er Jahren gegründet wurden, und neben den Filmfestspielen von Cannes und dem Filmfestival Karlovy Vary (alle 1946 gegründet) zu den ältesten Filmfestspielen der Welt. Wie diese zählt es zu den Filmkunstfestivals mit einem Spielfilmwettbewerb nach den Vorgaben der Filmproduzentenvereinigung FIAPF (A-Kategorie-Festival).

Die 70. Auflage des Filmfestivals fand vom 2. bis 12. August 2017 statt und wurde mit Noémie Lvovskys Mutter-Tochter-Drama Demain et tous les autres jours eröffnet. Jurypräsident bei der Vergabe um den Goldenen Leoparden, den Hauptpreis des Festivals, war der französische Regisseur Olivier Assayas. Der Jury gehörte auch die österreichische Schauspielerin Birgit Minichmayr an. Nastassja Kinski wurde mit einer Hommage geehrt.[1]

Cineastische Besonderheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die traditionelle Bestuhlung beim Filmfestival

Während elf Tagen werden hunderte Filme in diversen Reihen, Retrospektiven und im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden gezeigt. Etliche Filmvorführungen finden als Freiluftveranstaltung auf der Piazza Grande in der Altstadt Locarnos auf einer Grossleinwand (26 × 14 m) statt. Etwa 8'000 Zuschauer haben dort Platz.

Das Locarno-Filmfest hat eine lange Tradition im Autorenfilm. Dies sind jene Filme, in denen der Regisseur sämtliche künstlerischen Aspekte des Films wie Drehbuch oder Schnitt wesentlich bestimmt und als (alleiniger) Autor des Filmwerks angesehen wird.

Die ab dem Jahr 2000 amtierende Leiterin, die italienische Filmkritikerin Irene Bignardi, stand für eine inhaltliche und künstlerische Kontinuität der Filmauswahl mit sozialem und politischem Inhalt. Im Sommer 2004 beim 57. Internationalen Filmfestival von Locarno waren es über 350.

Seit August 2005 hiess der Direktor des Filmfestivals von Locarno Frédéric Maire. Anfang Juni 2008 wurde bekannt, dass der 44-jährige Neuenburger Filmjournalist und Regisseur Maire vorzeitig aus seinem Amt ausscheidet und zum 1. November 2009 die Arbeit als Direktors des Schweizer Filmarchivs aufnimmt. Am 1. September 2009 übernahm Olivier Père, bisher in Cannes tätig, die Leitung des Filmfestivals.[2] Ende August 2012 gab er nach drei Jahren das Amt des künstlerischen Leiters auf, um Anfang November den Posten des Generaldirektors von Arte France Cinéma anzutreten.[3] Anfang September 2012 wurde der italienische Filmkritiker und Autor Carlo Chatrian, von 2001 bis 2007 Vizedirektor des Alba Film Festivals, zu Pères Nachfolger ernannt.[4]

2009 standen Anime im Mittelpunkt des Festivals. Isao Takahata wurde mit dem Ehrenleoparden für sein Lebenswerk geehrt.[5]

Wirtschaftliche Bedeutung für die Region[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Festival – mit einem Gesamtbudget von 10 Millionen Schweizer Franken – wird mit öffentlichen Fördergeldern von 2,5 Millionen Franken seitens des Kantons und weiteren 1,3 Millionen jährlich seitens der nationalen Regierung unterstützt. Nach einer vom Tessiner Staatsrat in Auftrag gegebenen Studie[6] der Universität der italienischen Schweiz (USI) in Lugano aus dem Jahr 2005 bleiben während der Dauer von knapp zwei Wochen 12 bis 13 Millionen Franken in der Region, womit die regionale wirtschaftliche Bilanz deutlich positiv ist.

Der statistisch ermittelte durchschnittliche Filmfestbesucher «gibt 123 Franken pro Tag aus, ist weiblich, zwischen 30 und 40 Jahre alt, stammt aus der deutschsprachigen Schweiz, verfügt über einen hohen Bildungsgrad sowie ein mittleres bis hohes Einkommen». Die Sozialforscher sprechen von «touristischem Potenzial» im Hinblick auf Kulturangebote und Gastronomie, die sich speziell auf das hier in Massen auftretende Bildungspublikum ausrichtet.

Vergebene Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Concorso Internationale – Internationaler Wettbewerb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1968 wird als Hauptpreis für den besten Wettbewerbsfilm der Pardo d’oro, der Goldene Leopard, verliehen. Das mit der Auszeichnung verbundene Preisgeld von 90.000 Schweizer Franken (aktuell ungefähr 81'100 Euro) geht zu gleichen Teilen an den Regisseur und an die Produzenten des Siegerfilms.

Preis Originalbezeichnung Verliehen seit
Goldener Leopard
Hauptpreis des Festivals, übergeben von der Stadt und Region Locarno, für den besten Film aus dem Wettbewerb
(Gleichmässig aufgeteilt auf Regisseur und Produzent)
Pardo d’oro 1968 (1946)
Spezialpreis der Jury
Jurypreis für den zweitbesten Film
(Gleichmässig aufgeteilt auf Regisseur und Produzent)
Premio speciale della giuria 1949
Leopard – Beste Regie
Preis, übergeben von der Stadt und Region Locarno, für den Film mit der besten Regie
Pardo per la miglior regia 1946
Leopard – Beste Darstellerin Pardo per la miglior interpretazione femminile 1946
Leopard – Bester Darsteller Pardo per la miglior interpretazione maschile 1958

Weitere Wettbewerbspreise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Concorso Cineasti del Presente – Preise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Pardo d’oro Cineasti del presente. Wird seit 2006 an den besten Film aus der Kategorie concorso Cineasti del presente verliehen.
  • Premio speciale della giuria Ciné+ Cineasti del presente (Spezialpreis der Jury). Die französische Fernsehstation Ciné+ Club garantiert dem Film, der mit dem Spezialpreis ausgezeichnet wird, dessen Ankauf durch Ciné+ Club und damit seine Ausstrahlung über den Sender.
  • Pardo per la migliore opera prima. Der Preis wurde zwischen 2006 und 2009 an das beste Erstlingswerk aus den Wettbewerben concorso internationale und concorso Cineasti del presente verliehen.
  • Pardo per il miglior regista emergente - Città e Regione di Locarno. Der Preis zeichnet den besten aufstrebenden Regisseur aus.

Concorso Pardi di Domani – Preise (Kurz- und Mittellangfilme)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Pardino d’oro per il miglior cortometraggio internazionale - Premio SRG SSR. Auszeichnung für den besten internationalen Kurzfilm aus der Kategorie concorso internationale dei Pardi di domani. Der Pardino 2016 ging an "L'immense retour" von Manon Coubia.
  • Pardino d’oro per il miglior cortometraggio svizzero - Premio Swiss Life. Auszeichnung für den besten Schweizer Kurzfilm des Wettbewerbs concorso nazionale dei Pardi di domani. Der Pardino 2016 ging an "Die Brücke über den Fluss" von Jadwiga Kowalska.
  • Pardino d'argento Swiss Life per il Concorso svizzero. Auszeichnung für einen Schweizer Filmaus der Kategorie concorso nazionale Pardi di domani. Der Pardino 2016 ging an "Genesis" von Lucien Monot.
  • Pardino d'argento SSR SRG per il Concorso internazionale. Auszeichnung für einen Film aus der Kategorie concorso internationale Pardi di domani. Der Pardino 2016 ging an "Cilaos" von Camilo Restrepo.
  • Nomination di Locarno agli European Film Awards - Premio Pianifica. Auszeichnung für einen Kurzfilm eines europäischen Regisseurs, der in den beiden Wettbewerben des concorso dei Pardi di domani gezeigt wird. Der Preis beinhaltet die Nominierung für die Kurzfilm-Kategorie der European Film Awards und wird von Studio Pianifica zur Verfügung gestellt.
  • Premio per la miglior speranza svizzera. Auszeichnung für das beste Schweizer Nachwuchstalent. Der Preis besteht aus technischen Leistungen, die von Cinegrell, Visuals SA, Freestudios SA, Taurus Studio e Avant-première SA/Film Demnächst AG zur Verfügung gestellt werden.
  • Premio Medien Patent Verwaltung AG. Auszeichnung für die Untertitelung, bereitgestellt von der Medien Patent Verwaltung AG. Dem Gewinner-Film wird eine Untertitelung in drei europäischen Sprachen angeboten. Der Preis 2016 ging an "Valparaiso" von Carlo Sironi.

Spezialpreise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pardo d’onore (Ehrenleopard)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Pardo d’onore Swisscom zeichnet zeitgenössische Filmemacher aus, die jenes Filmschaffen repräsentieren, welches das Festival seit seiner Gründung in den Mittelpunkt stellt. Die Gewinner der letzten Ausgaben des Pardo d'onore Swisscom waren Manoel de Oliveira, Bernardo Bertolucci, Ken Loach, Jean-Luc Godard, Terry Gilliam, Aleksandr Sokurov, Hou Hsiao-hsien, William Friedkin, Alain Tanner, Jia Zhangke, Leos Carax, Werner Herzog, Agnès Varda und Michael Cimino. 2016 wurde Alejandro Jodorowsky als Preisträger ausgewählt.

Excellence Award[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Excellence Award würdigt aussergewöhnliche Schauspieler der internationalen Filmszene. Seit 2004 hat das Festival del film Locarno Persönlichkeiten wie Oleg Menschikow, Susan Sarandon, John Malkovich, Willem Dafoe, Carmen Maura, Michel Piccoli, Toni Servillo, Chiara Mastroianni, Victoria Abril, Sir Christopher Lee, Juliette Binoche, Giancarlo Giannini und Edward Norton mit dem Excellence Award geehrt. 2016 wurde Bill Pullman als Preisträger ausgewählt.

Raimondo Rezzonico Preis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Premio Raimondo Rezzonico (gestiftet von der Gemeinde Minusio) für den besten unabhängigen Produzenten. Die Gewinner der letzten Ausgaben des Preises waren Paulo Branco, Ruth Waldburger, Karl Baumgartner, Jeremy Thomas, Lita Stantic, Christine Vachon, Martine Marignac, Menahem Golan, Mike Medavoy, Arnon Milchan, Margaret Ménégoz, Nansun Shi und Office Kitano. 2016 wurde David Linde als Preisträger ausgewählt.

Vision Award[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese neue Auszeichnung möchte Persönlichkeiten auszeichnen, die mit ihren Kreationen und ihrer Arbeit hinter den Kulissen dazu beitragen, den Horizont des Kinos zu erweitern.

Premio Cinema Ticino[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2009 wird der Preis alle zwei Jahre an Persönlichkeiten aus der Filmbranche verliehen, die ursprünglich aus dem Tessin kommen oder seit mindestens fünf Jahren in dem Schweizer Kanton wohnhaft sind.

Leopard Club Award[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Leopard Club Award, benannt nach der Vereinigung, die das Festival unterstützt, ehrt jedes Jahr eine Figur der internationalen Filmszene, die mit ihrer Arbeit die Vorstellungswelt der Zuschauer geprägt hat.

Pardo alla carriera[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Preis ist Personen mit einer besonderen Karriere in der Filmwelt gewidmet.

Lifetime Achievement Award[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2011 zeichnet das Festival Persönlichkeiten aus, die die Filmbranche mit ihren ausserordentlichen Karrieren gezeichnet haben.

Piazza Grande Awards[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Prix du Public UBS[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Publikumspreis-Statuette (2013)

Das Festival hat neben einer offiziellen Jury, die sich aus Film- und Kulturschaffenden zusammensetzt, auch eine Publikumsjury. Diese bewertet jeden Abend die aufgeführten Filme auf der Piazza Grande, um den Preis Prix du Public zu verleihen. Zu den früheren Gewinnern des Prix du Public UBS gehören Filme wie beispielsweise Kick it like Beckham, Die syrische Braut, Das Leben der Anderen, Monsieur Lazhar, Lore, Schweizer Helden und Ich, Daniel Blake.

Variety Piazza Grande Award[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Variety Piazza Grande Award wird von einer Jury verliehen, die aus Kritikern der Zeitschrift Variety besteht. Der Preis zeichnet einen Film aus, der in der Kategorie Piazza Grande als Weltpremiere oder internationale Premiere gezeigt wird.

  • 2014: Marie Heurtin von Jean-Pierre Améris
  • 2015: La belle saison von Catherine Corsini
  • 2016: Moka von Frédéric Mermoud

Swatch First Feature Award[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Preis zeichnet Erstlingswerke aus, die in den Kategorien concorso internazionale, concorso Cineasti del presente, Fuori concorso, Signs of Life und Piazza Grande laufen.

Galerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Locarno Festival – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. 70. Filmfestival Locarno mit Glamour eröffnet zeit.de, 2. August 2017
  2. pardo.ch – Olivier Père future Artistic Director. (Memento vom 24. Dezember 2008 im Internet Archive)
  3. Olivier Père verlässt das Festival del film Locarno bei pardolive.ch, 27. August 2012 (abgerufen am 28. August 2012).
  4. Carlo Chatrian wird neuer künstlerischer Leiter bei pardolive.ch, 4. September 2012 (abgerufen am 4. September 2012).
  5. vgl. Kohler, Michael: Meister der Animation. In: Frankfurter Rundschau, 8. August 2009, S. 12.Vorlage:Toter Link/!...nourl (Seite nicht mehr abrufbar)
  6. Studie der Universität der italienischen Schweiz (italienisch) (Memento vom 13. November 2005 im Internet Archive)
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