Notae ecclesiae

Die notae ecclesiae stellen in der christlichen Ekklesiologie die vier Wesensmerkmale der universalen Kirche dar: Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität. Sie wurden als wesentliche Charaktereigenschaften und Erkennungszeichen der Kirche erstmals 381 auf dem ersten Konzil von Konstantinopel im Glaubensbekenntnis von Nicäa und Konstantinopel festgeschrieben, das das gemeinsame Glaubensbekenntnis aller Christen bildet. Sie spielen daher insbesondere nach der Reformation im ökumenischen Dialog eine Rolle.Dabei sind „Kirche“ und „katholisch“ nicht im konfessionellen Sinn zu verstehen, sondern ekklesiologisch als gesamter mystischer Leib Christi gemäß 1 Kor 12,27 EU.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits im frühen Christentum wurden die wesentlichen, charakterisierenden Eigenschaften der Kirche entwickelt.[1] Im apostolischen Glaubensbekenntnis werden Heiligkeit und Katholizität genannt, im Nicäno-Konstantinopolitanum kommen Einheit und Apostolizität hinzu.

„Wir glauben […] die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“

– Glaubensbekenntnis von Nicäa und Konstantinopel, Erstes Konzil von Konstantinopel (381)

Im griechischen Text des Nicäno-Konstantinopolitanum steht das Verb πιστεύομεν pisteúomen im Plural („wir glauben“), in der lateinischen Fassung dagegen im Singular credo („ich glaube“).[2] Im christlichen Gottesdienst kommt, wenn das nicäno-konstantinopoltanische Glaubensbekenntnis gesprochen wird, in der Regel die Plural-Fassung zur Geltung: „Wir glauben an den einen Gott …“ (Gotteslob Nr. 356, Evangelisches Gottesdienstbuch, 2. Aufl. 2001, S. 105). Im deutschen Sprachraum ist allerdings das Apostolische Glaubensbekenntnis geläufiger, in dem die Singular-Form verwendet wird.[3]

Eine besondere Bedeutung kam den Wesensmerkmalen in den Auseinandersetzungen der Reformation und Gegenreformation zu, in der sie als Argumentationsgrundlage für die Bewertung der verschiedenen theologischen und ekklesiologischen Meinungen dienten.[1]

Wesensmerkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die römisch-katholische Kirche, bestehend aus der lateinischen Kirche sowie den katholischen Ostkirchen, beansprucht für sich, die eine, heilige, apostolische und katholische Kirche in voller Wirklichkeit zu sein. Dasselbe beanspruchen die 16 autokephalen orthodoxen Kirchen. Dahinter steht das Verständnis, dass das Nicänum eine sakramentale und daher amtlich-institutionelle Einheit be- und vorschreibe, wobei dies jede der beiden Gruppen seit dem Schisma von 1054 auf sich bezieht. Alle mit dem Papst in voller Gemeinschaft stehenden Kirchen sehen ihn als Träger des Einheitsdienstes, den Jesus dem Petrus übertrug (Mt 16,18 EU).

Evangelische Kirchen hingegen betonen eine weniger sichtbare, auf dem Glauben aller Christen und der evangeliumsgemäßen Verkündigung basierende Einheit.

Ökumenische Bestrebungen zielen auf eine größere Einheit der Vielzahl christlicher Konfessionen nach Eph 4,3–6 EU und Joh 17,21 EU. Die schwierigste Frage ist dabei das Einheitskonzept selbst, das für die Kirchen der katholischen Tradition nicht von der sakramentalen, eucharistischen Einheit und damit von der Frage der Vollmacht und Gültigkeit zu trennen ist.

Heiligkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Merkmal der Heiligkeit ist zwischen den Konfessionen relativ unumstritten. Es besagt, dass die Kirche durch das in ihr und durch sie verkündete Evangelium und durch die Gegenwart Christi in ihr auf einzigartige Weise Gottes Eigentum und sein Zeichen in der Welt ist.

Katholizität/Universalität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Etymologisch leitet sich das Wort katholisch vom griechischen Adjektiv καθολικός katholikós ‚das Ganze betreffend‘, ‚allgemein‘ bzw. dem Adverb καθόλου kathólon ‚im Allgemeinen, gänzlich‘ ab. Die beste Umschreibung lautet daher „Ganzheit“ oder „Fülle“ und in Erweiterung „universell“.

Die Kirche insgesamt gilt als allgemein, da von Gott gewollt, wenn einig und eins für alle Zeit. Abstrakt gilt die Kirche als katholisch, wenn sie innerlich mit Christus eins ist und dadurch zur Heilsinstanz wird.

Ignatius von Antiochia grenzte mit seiner Wendung „die Katholische Kirche“ diese von anderen Gruppen ab, die in Lehre und Leben von den Bischöfen der römischen Kirche abwichen. Folgerichtig bezeichnet die römisch-katholische Kirche alle abgespaltenen oder häretischen Gemeinschaften als nicht-katholisch. Die anglikanischen Kirchen sehen sich selbst als Teil der katholischen Kommunion, auch wenn sie nicht der Jurisdiktion Roms unterstehen. Die evangelischen Kirchen verstehen katholisch im Sinne einer abstrakten, allgemeinen und universellen Kirche. Im apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen evangelisch-reformierte Christen beispielsweise: „… die heilige, allgemeine christliche Kirche“.

Apostolizität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Apostolizität bedeutet die Übereinstimmung der Kirche mit ihrem apostolischen Ursprung in der Urkirche. Die Apostel bildeten in der Frühzeit das Fundament der Kirche und ihrer Botschaft und gelten als Garanten für die Überlieferung des Glaubens der Kirche. Tertullian beschreibt ihre Taten um 200 folgendermaßen:[1]

„[Sie gingen] über den Erdkreis aus und verkündeten [den Glauben an Jesus Christus] auch den Heiden. Und so gründeten sie in jeder Stadt Gemeinden, von denen die späteren Gemeinden nachher einen Ableger des Glaubens und die Samenkörner der Lehre entliehen und noch jeden Tag entleihen, um Gemeinden zu werden. Eben dadurch dürfen auch sie selbst wie apostolische angesehen werden, weil sie die Abkömmlinge apostolischer Gemeinden sind […] So gibt es denn der Kirchen viele und zahlreiche, und doch sind sie nur eine, jene apostolische, ursprüngliche, aus der sie alle stammen.“

Tertullian: De praescriptione haereticorum 20

Der Apostolizität kam in den Auseinandersetzungen mit der Gnosis besondere Bedeutung zu, in der die kirchlichen Theologen die Überlieferung der wahren Lehre durch die Apostel und deren Nachfolger garantiert sahen. Die gnostischen Lehren konnten so wirksam als nachträgliche, außerchristliche Einflüsse abgewehrt werden.

Die vorreformatorischen sowie einige anglikanische Kirchen betrachten als Zeichen der Apostolizität nicht nur die inhaltliche Übereinstimmung mit der Lehre der Apostel am Ursprung der Kirche, sondern auch die personelle Weitergabe der kirchlichen Leitungsgewalt durch die apostolische Sukzession. Kirche im Vollsinn kann nach diesem Verständnis nur durch die Kontinuität bestehen, dass eine ununterbrochene Linie von Bischöfen bis auf die Apostel zurückführbar ist. Wenn dieses Zeichen der Apostolizität fehlt, handelt es sich nach römisch-katholischer Lehre um eine „kirchliche Gemeinschaft“, in der zwar viele Merkmale einer Kirche erfüllt sind, aber nicht in der vollen Bedeutung.

Eine andere Interpretation zielt auf die charismatische Gabe des Aposteldienstes ab. Dieser Dienst bzw. dieses Amt gibt es in zahlreichen christlichen Gruppen der Pfingstbewegung und der Kirchen, die aus den katholisch-apostolischen Gemeinden entstanden sind. Manche dieser Gruppen sprechen von Kirche im Vollsinn nur, wenn auch apostolischer Dienst vorhanden ist.

Weiterhin verstehen die meisten Evangelischen und Anglikaner unter „apostolischer Kirche“ keine institutionelle Kirche, sondern die Gemeinschaft der Christen, die der Lehre der Apostel nach Mt 28,20 LUT folgt.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. abc Herbert Frohnhofen: §8. Die Wesenseigenschaften der Kirche: Einheit, Heiligkeit, Katholizität, Apostolizität. In: Theologie-Skripten. Abgerufen am 20. Juli 2015 (PDF).
  2. Denzinger-Hünermann Nr. 150
  3. Denzinger-Hünermann Nr. 10–30, Gotteslob Nr. 2, 5)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die notae ecclesiae stellen in der christlichen Ekklesiologie die vier Wesensmerkmale der universalen Kirche dar: Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität. Sie wurden als wesentliche Charaktereigenschaften und Erkennungszeichen der Kirche erstmals 381 auf dem ersten Konzil von Konstantinopel im Glaubensbekenntnis von Nicäa und Konstantinopel festgeschrieben, das das gemeinsame Glaubensbekenntnis aller Christen bildet. Sie spielen daher insbesondere nach der Reformation im ökumenischen Dialog eine Rolle.Dabei sind „Kirche“ und „katholisch“ nicht im konfessionellen Sinn zu verstehen, sondern ekklesiologisch als gesamter mystischer Leib Christi gemäß 1 Kor 12,27 EU.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits im frühen Christentum wurden die wesentlichen, charakterisierenden Eigenschaften der Kirche entwickelt.[1] Im apostolischen Glaubensbekenntnis werden Heiligkeit und Katholizität genannt, im Nicäno-Konstantinopolitanum kommen Einheit und Apostolizität hinzu.

„Wir glauben […] die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“

– Glaubensbekenntnis von Nicäa und Konstantinopel, Erstes Konzil von Konstantinopel (381)

Im griechischen Text des Nicäno-Konstantinopolitanum steht das Verb πιστεύομεν pisteúomen im Plural („wir glauben“), in der lateinischen Fassung dagegen im Singular credo („ich glaube“).[2] Im christlichen Gottesdienst kommt, wenn das nicäno-konstantinopoltanische Glaubensbekenntnis gesprochen wird, in der Regel die Plural-Fassung zur Geltung: „Wir glauben an den einen Gott …“ (Gotteslob Nr. 356, Evangelisches Gottesdienstbuch, 2. Aufl. 2001, S. 105). Im deutschen Sprachraum ist allerdings das Apostolische Glaubensbekenntnis geläufiger, in dem die Singular-Form verwendet wird.[3]

Eine besondere Bedeutung kam den Wesensmerkmalen in den Auseinandersetzungen der Reformation und Gegenreformation zu, in der sie als Argumentationsgrundlage für die Bewertung der verschiedenen theologischen und ekklesiologischen Meinungen dienten.[1]

Wesensmerkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die römisch-katholische Kirche, bestehend aus der lateinischen Kirche sowie den katholischen Ostkirchen, beansprucht für sich, die eine, heilige, apostolische und katholische Kirche in voller Wirklichkeit zu sein. Dasselbe beanspruchen die 16 autokephalen orthodoxen Kirchen. Dahinter steht das Verständnis, dass das Nicänum eine sakramentale und daher amtlich-institutionelle Einheit be- und vorschreibe, wobei dies jede der beiden Gruppen seit dem Schisma von 1054 auf sich bezieht. Alle mit dem Papst in voller Gemeinschaft stehenden Kirchen sehen ihn als Träger des Einheitsdienstes, den Jesus dem Petrus übertrug (Mt 16,18 EU).

Evangelische Kirchen hingegen betonen eine weniger sichtbare, auf dem Glauben aller Christen und der evangeliumsgemäßen Verkündigung basierende Einheit.

Ökumenische Bestrebungen zielen auf eine größere Einheit der Vielzahl christlicher Konfessionen nach Eph 4,3–6 EU und Joh 17,21 EU. Die schwierigste Frage ist dabei das Einheitskonzept selbst, das für die Kirchen der katholischen Tradition nicht von der sakramentalen, eucharistischen Einheit und damit von der Frage der Vollmacht und Gültigkeit zu trennen ist.

Heiligkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Merkmal der Heiligkeit ist zwischen den Konfessionen relativ unumstritten. Es besagt, dass die Kirche durch das in ihr und durch sie verkündete Evangelium und durch die Gegenwart Christi in ihr auf einzigartige Weise Gottes Eigentum und sein Zeichen in der Welt ist.

Katholizität/Universalität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Etymologisch leitet sich das Wort katholisch vom griechischen Adjektiv καθολικός katholikós ‚das Ganze betreffend‘, ‚allgemein‘ bzw. dem Adverb καθόλου kathólon ‚im Allgemeinen, gänzlich‘ ab. Die beste Umschreibung lautet daher „Ganzheit“ oder „Fülle“ und in Erweiterung „universell“.

Die Kirche insgesamt gilt als allgemein, da von Gott gewollt, wenn einig und eins für alle Zeit. Abstrakt gilt die Kirche als katholisch, wenn sie innerlich mit Christus eins ist und dadurch zur Heilsinstanz wird.

Ignatius von Antiochia grenzte mit seiner Wendung „die Katholische Kirche“ diese von anderen Gruppen ab, die in Lehre und Leben von den Bischöfen der römischen Kirche abwichen. Folgerichtig bezeichnet die römisch-katholische Kirche alle abgespaltenen oder häretischen Gemeinschaften als nicht-katholisch. Die anglikanischen Kirchen sehen sich selbst als Teil der katholischen Kommunion, auch wenn sie nicht der Jurisdiktion Roms unterstehen. Die evangelischen Kirchen verstehen katholisch im Sinne einer abstrakten, allgemeinen und universellen Kirche. Im apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen evangelisch-reformierte Christen beispielsweise: „… die heilige, allgemeine christliche Kirche“.

Apostolizität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Apostolizität bedeutet die Übereinstimmung der Kirche mit ihrem apostolischen Ursprung in der Urkirche. Die Apostel bildeten in der Frühzeit das Fundament der Kirche und ihrer Botschaft und gelten als Garanten für die Überlieferung des Glaubens der Kirche. Tertullian beschreibt ihre Taten um 200 folgendermaßen:[1]

„[Sie gingen] über den Erdkreis aus und verkündeten [den Glauben an Jesus Christus] auch den Heiden. Und so gründeten sie in jeder Stadt Gemeinden, von denen die späteren Gemeinden nachher einen Ableger des Glaubens und die Samenkörner der Lehre entliehen und noch jeden Tag entleihen, um Gemeinden zu werden. Eben dadurch dürfen auch sie selbst wie apostolische angesehen werden, weil sie die Abkömmlinge apostolischer Gemeinden sind […] So gibt es denn der Kirchen viele und zahlreiche, und doch sind sie nur eine, jene apostolische, ursprüngliche, aus der sie alle stammen.“

Tertullian: De praescriptione haereticorum 20

Der Apostolizität kam in den Auseinandersetzungen mit der Gnosis besondere Bedeutung zu, in der die kirchlichen Theologen die Überlieferung der wahren Lehre durch die Apostel und deren Nachfolger garantiert sahen. Die gnostischen Lehren konnten so wirksam als nachträgliche, außerchristliche Einflüsse abgewehrt werden.

Die vorreformatorischen sowie einige anglikanische Kirchen betrachten als Zeichen der Apostolizität nicht nur die inhaltliche Übereinstimmung mit der Lehre der Apostel am Ursprung der Kirche, sondern auch die personelle Weitergabe der kirchlichen Leitungsgewalt durch die apostolische Sukzession. Kirche im Vollsinn kann nach diesem Verständnis nur durch die Kontinuität bestehen, dass eine ununterbrochene Linie von Bischöfen bis auf die Apostel zurückführbar ist. Wenn dieses Zeichen der Apostolizität fehlt, handelt es sich nach römisch-katholischer Lehre um eine „kirchliche Gemeinschaft“, in der zwar viele Merkmale einer Kirche erfüllt sind, aber nicht in der vollen Bedeutung.

Eine andere Interpretation zielt auf die charismatische Gabe des Aposteldienstes ab. Dieser Dienst bzw. dieses Amt gibt es in zahlreichen christlichen Gruppen der Pfingstbewegung und der Kirchen, die aus den katholisch-apostolischen Gemeinden entstanden sind. Manche dieser Gruppen sprechen von Kirche im Vollsinn nur, wenn auch apostolischer Dienst vorhanden ist.

Weiterhin verstehen die meisten Evangelischen und Anglikaner unter „apostolischer Kirche“ keine institutionelle Kirche, sondern die Gemeinschaft der Christen, die der Lehre der Apostel nach Mt 28,20 LUT folgt.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. abc Herbert Frohnhofen: §8. Die Wesenseigenschaften der Kirche: Einheit, Heiligkeit, Katholizität, Apostolizität. In: Theologie-Skripten. Abgerufen am 20. Juli 2015 (PDF).
  2. Denzinger-Hünermann Nr. 150
  3. Denzinger-Hünermann Nr. 10–30, Gotteslob Nr. 2, 5)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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