Schimpansenkrieg von Gombe

Schimpansenkrieg von Gombe
Datum 22. Januar, 1974 bis 5. Juni, 1978
Ort Gombe-Stream-Nationalpark
Ausgang Sieg der Kasakela Schimpansen
Konfliktparteien

Kahama-Schimpansen

Kasakela-Schimpansen

Truppenstärke
7 Männchen
3 Weibchen
8 Männchen
12 Weibchen
Verluste

10 Tote

1 Toter

Der Schimpansenkrieg von Gombe in den Jahren 1974 bis 1978 war eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen zwei Schimpansengruppen im Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania. Beteiligt waren die Kasakelagruppe in dem nördlichen Teil des Parks sowie die Kahamagruppe im südlichen Teil.[1] Beide Gruppen waren ursprünglich Teil derselben Schimpansengemeinschaft, die sich jedoch nach und nach aufgeteilt hatte.[2] Beobachtet wurde das Geschehen hauptsächlich durch die britische Verhaltensforscherin Jane Goodall. Anhand ihrer Aufzeichnungen konnte mit computergestützten Analysen gezeigt werden, dass die Gruppen bereits 1971 zu rivalisieren begannen.[3]

Die Kahamagruppe im Süden bestand aus sechs ausgewachsenen Männchen (unter ihnen die durch Goodall benannten „Hugh“, „Charlie“, und „Goliath“), drei ausgewachsenen Weibchen mit Jungtieren sowie einem männlichen jugendlichen Affen (genannt „Sniff“).[2] Die größere Kasakelagruppe bestand hingegen aus zwölf erwachsenen Weibchen mit Jungtieren sowie acht ausgewachsenen Männchen.[2]

Der Krieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der erste Ausbruch von Gewalt begann am 7. Januar 1974,[4] als eine Gruppe von sechs Kasakelamännchen den Schimpansen „Godi“ angriff und tötete, als dieser in einem Baum fraß.[1] Dies stellt die erste bekannte Situation dar, in der Schimpansen absichtlich einen anderen Schimpansen töteten.[4]

In den folgenden vier Jahren wurden alle Männchen der Kahama durch die Männchen der Kasekela getötet.[5] Von den Weibchen wurde eines umgebracht, zwei sind verschollen und drei wurden geschlagen und durch die Kasakelamännchen entführt.[5] Dadurch konnten die Kasakela erfolgreich das Territorium der Kahama übernehmen.[5] Dieser Raumgewinn war jedoch nicht permanent, da das Kasakelagebiet nun direkt an das Territorium einer weiteren Schimpansengruppe, der Kalande, grenzte[6] und im Verlauf einiger gewalttätiger Auseinandersetzungen mit den zahlenmäßig deutlich überlegenen Kalande durch die Kasekela großteils wieder aufgegeben wurde.[6]

Auswirkung auf Goodall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ausbruch des Kriegs schockierte Goodall, die bis dahin davon ausgegangen war, dass das Verhalten der Schimpansen zwar dem menschlichen ähnle, jedoch deutlich „netter“ sei.[7] In Verbindung mit einer kannibalistischen Kindstötung durch eine ranghohe Schimpansenmutter im Jahr 1975 wurde Goodall die „dunkle Seite“ des Schimpansenverhaltens bewusst, was sie tiefgreifend erschütterte. In ihren Memoiren Through a Window: My Thirty Years with the Chimpanzees of Gombe schrieb sie dazu:

“For several years I struggled to come to terms with this new knowledge. Often when I woke in the night, horrific pictures sprang unbidden to my mind—Satan [one of the apes], cupping his hand below Sniff's chin to drink the blood that welled from a great wound on his face; old Rodolf, usually so benign, standing upright to hurl a four-pound rock at Godi's prostrate body; Jomeo tearing a strip of skin from Dé's thigh; Figan, charging and hitting, again and again, the stricken, quivering body of Goliath, one of his childhood heroes. ...[8]

„Ich hatte jahrelang Probleme, mit diesem neuen Wissen klarzukommen. Oftmals, wenn ich in der Nacht aufwachte, sprangen mir unaufgefordert entsetzliche Bilder in den Kopf – Satan [einer der Affen], wie er seine Hand unter Sniffs Kinn hält, um das Blut zu trinken, das aus der großen Wunde in seinem Gesicht fließt; der alte Rodolf, normalerweise so gütig, aufrecht stehend, um einen Vier-Pfund-Stein auf den ausgestreckten Körper von Godi zu schleudern; Jomeo, wie er einen Streifen Haut von Dés Oberschenkel reißt; Figan, wie er auf den angeschlagenen, zitternden Körper von Goliath, einem seiner Kindheitshelden, wieder und wieder losgeht und einschlägt. ...“

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beobachtungsstation welche Goodall zum Füttern der Gombe Schimpansen nutzte

Als Goodall von den Ereignissen des Schimpansenkriegs berichtete, wurde ihren Schilderungen von natürlich auftretenden Kriegen zwischen Schimpansen nicht immer Glauben geschenkt. Die wissenschaftlichen Modelle dieser Zeit gingen davon aus, dass es praktisch keine Überlappungen von menschlichem und tierischem Verhalten gebe.[9] Einige Wissenschaftler warfen ihr exzessiven Anthropomorphismus vor;[9] andere unterstellten, dass ihre Anwesenheit sowie ihre Gewohnheit die Tiere zu füttern den gewaltsamen Konflikt in einer sonst friedlichen Gesellschaft erst ausgelöst hätten.[10] Spätere weniger invasive Forschungen bestätigen jedoch, dass es in Schimpansengruppen auf natürliche Weise zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt.[10][11]

Quellenangaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. ab Goodall 2010, p. 121
  2. abc Goodall 2010, p. 120
  3. Barras, Colin: Only known chimp war reveals how societies splinter. In: New Scientist. 7. Mai 2014, abgerufen am 6. März 2017.
  4. ab Morris, p. 288
  5. abc Morris, p. 289
  6. ab Goodall 2010, pp. 129–130
  7. Goodall 2010, p. 128
  8. Goodall 2010, pp. 128–129
  9. ab Bradshaw, G. A.: Elephants on the Edge: What Animals Teach Us about Humanity. Yale University Press, 2009, ISBN 978-0-300-15491-7, S. 40.
  10. ab Morris, p. 290
  11. Nature of war: Chimps inherently violent; Study disproves theory that 'chimpanzee wars' are sparked by human influence. In: ScienceDaily. 17. September 2014, abgerufen am 6. März 2017.

Bibliographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schimpansenkrieg von Gombe
Datum 22. Januar, 1974 bis 5. Juni, 1978
Ort Gombe-Stream-Nationalpark
Ausgang Sieg der Kasakela Schimpansen
Konfliktparteien

Kahama-Schimpansen

Kasakela-Schimpansen

Truppenstärke
7 Männchen
3 Weibchen
8 Männchen
12 Weibchen
Verluste

10 Tote

1 Toter

Der Schimpansenkrieg von Gombe in den Jahren 1974 bis 1978 war eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen zwei Schimpansengruppen im Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania. Beteiligt waren die Kasakelagruppe in dem nördlichen Teil des Parks sowie die Kahamagruppe im südlichen Teil.[1] Beide Gruppen waren ursprünglich Teil derselben Schimpansengemeinschaft, die sich jedoch nach und nach aufgeteilt hatte.[2] Beobachtet wurde das Geschehen hauptsächlich durch die britische Verhaltensforscherin Jane Goodall. Anhand ihrer Aufzeichnungen konnte mit computergestützten Analysen gezeigt werden, dass die Gruppen bereits 1971 zu rivalisieren begannen.[3]

Die Kahamagruppe im Süden bestand aus sechs ausgewachsenen Männchen (unter ihnen die durch Goodall benannten „Hugh“, „Charlie“, und „Goliath“), drei ausgewachsenen Weibchen mit Jungtieren sowie einem männlichen jugendlichen Affen (genannt „Sniff“).[2] Die größere Kasakelagruppe bestand hingegen aus zwölf erwachsenen Weibchen mit Jungtieren sowie acht ausgewachsenen Männchen.[2]

Der Krieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der erste Ausbruch von Gewalt begann am 7. Januar 1974,[4] als eine Gruppe von sechs Kasakelamännchen den Schimpansen „Godi“ angriff und tötete, als dieser in einem Baum fraß.[1] Dies stellt die erste bekannte Situation dar, in der Schimpansen absichtlich einen anderen Schimpansen töteten.[4]

In den folgenden vier Jahren wurden alle Männchen der Kahama durch die Männchen der Kasekela getötet.[5] Von den Weibchen wurde eines umgebracht, zwei sind verschollen und drei wurden geschlagen und durch die Kasakelamännchen entführt.[5] Dadurch konnten die Kasakela erfolgreich das Territorium der Kahama übernehmen.[5] Dieser Raumgewinn war jedoch nicht permanent, da das Kasakelagebiet nun direkt an das Territorium einer weiteren Schimpansengruppe, der Kalande, grenzte[6] und im Verlauf einiger gewalttätiger Auseinandersetzungen mit den zahlenmäßig deutlich überlegenen Kalande durch die Kasekela großteils wieder aufgegeben wurde.[6]

Auswirkung auf Goodall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ausbruch des Kriegs schockierte Goodall, die bis dahin davon ausgegangen war, dass das Verhalten der Schimpansen zwar dem menschlichen ähnle, jedoch deutlich „netter“ sei.[7] In Verbindung mit einer kannibalistischen Kindstötung durch eine ranghohe Schimpansenmutter im Jahr 1975 wurde Goodall die „dunkle Seite“ des Schimpansenverhaltens bewusst, was sie tiefgreifend erschütterte. In ihren Memoiren Through a Window: My Thirty Years with the Chimpanzees of Gombe schrieb sie dazu:

“For several years I struggled to come to terms with this new knowledge. Often when I woke in the night, horrific pictures sprang unbidden to my mind—Satan [one of the apes], cupping his hand below Sniff's chin to drink the blood that welled from a great wound on his face; old Rodolf, usually so benign, standing upright to hurl a four-pound rock at Godi's prostrate body; Jomeo tearing a strip of skin from Dé's thigh; Figan, charging and hitting, again and again, the stricken, quivering body of Goliath, one of his childhood heroes. ...[8]

„Ich hatte jahrelang Probleme, mit diesem neuen Wissen klarzukommen. Oftmals, wenn ich in der Nacht aufwachte, sprangen mir unaufgefordert entsetzliche Bilder in den Kopf – Satan [einer der Affen], wie er seine Hand unter Sniffs Kinn hält, um das Blut zu trinken, das aus der großen Wunde in seinem Gesicht fließt; der alte Rodolf, normalerweise so gütig, aufrecht stehend, um einen Vier-Pfund-Stein auf den ausgestreckten Körper von Godi zu schleudern; Jomeo, wie er einen Streifen Haut von Dés Oberschenkel reißt; Figan, wie er auf den angeschlagenen, zitternden Körper von Goliath, einem seiner Kindheitshelden, wieder und wieder losgeht und einschlägt. ...“

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beobachtungsstation welche Goodall zum Füttern der Gombe Schimpansen nutzte

Als Goodall von den Ereignissen des Schimpansenkriegs berichtete, wurde ihren Schilderungen von natürlich auftretenden Kriegen zwischen Schimpansen nicht immer Glauben geschenkt. Die wissenschaftlichen Modelle dieser Zeit gingen davon aus, dass es praktisch keine Überlappungen von menschlichem und tierischem Verhalten gebe.[9] Einige Wissenschaftler warfen ihr exzessiven Anthropomorphismus vor;[9] andere unterstellten, dass ihre Anwesenheit sowie ihre Gewohnheit die Tiere zu füttern den gewaltsamen Konflikt in einer sonst friedlichen Gesellschaft erst ausgelöst hätten.[10] Spätere weniger invasive Forschungen bestätigen jedoch, dass es in Schimpansengruppen auf natürliche Weise zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt.[10][11]

Quellenangaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. ab Goodall 2010, p. 121
  2. abc Goodall 2010, p. 120
  3. Barras, Colin: Only known chimp war reveals how societies splinter. In: New Scientist. 7. Mai 2014, abgerufen am 6. März 2017.
  4. ab Morris, p. 288
  5. abc Morris, p. 289
  6. ab Goodall 2010, pp. 129–130
  7. Goodall 2010, p. 128
  8. Goodall 2010, pp. 128–129
  9. ab Bradshaw, G. A.: Elephants on the Edge: What Animals Teach Us about Humanity. Yale University Press, 2009, ISBN 978-0-300-15491-7, S. 40.
  10. ab Morris, p. 290
  11. Nature of war: Chimps inherently violent; Study disproves theory that 'chimpanzee wars' are sparked by human influence. In: ScienceDaily. 17. September 2014, abgerufen am 6. März 2017.

Bibliographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Schimpansenkrieg von Gombe aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.